John Williams © picture alliance/ AP Photo/ Chris Pizzello
picture alliance/ AP Photo/ Chris Pizzello
Bild: picture alliance/ AP Photo/ Chris Pizzello Download (mp3, 8 MB)

Philharmonie Berlin - John Williams dirigiert die Berliner Philharmoniker

Bewertung:

Was wären Indiana Jones, E.T., Superman oder Harry Potter ohne die Musik von John Willams? Der amerikanische Komponist hat mit seinen Filmmusiken Kino-Geschichte geschrieben und ganze Generationen in seine musikalischen Welten entführt. Er hat die Soundtracks für Kino-Blockbuster wie "Star Wars", "Jurassic Park", "Der weiße Hai" oder "Schindlers Liste" komponiert. Nun bringt er in Berlin einige seiner berühmtesten Filmklassiker zu Gehör - erstmals am Pult der Berliner Philharmoniker.

Bemerkenswert junges Publikum bei diesem Ausnahme-Abo-Konzert: Auch Philharmoniker-Abonnent:innen haben Enkelinnen und Enkel, die sich über vorgezogene Weihnachtsgeschenke freuen.

Ein großer Tag - mit allem, was dazugehört

Bei den Raucher:innen vor der Tür sah ich Anne-Sophie Mutter – die ja nicht wenig für die späte Ehrung des Komponisten John Williams getan hat. Im Saal: dezente Light-Show in Herbstgold. Fällt dem betagten Meister, der durch der eigenen Abend führt, ein Name mal nicht ein, so wird er ihm aus dem Publikum zugerufen ("Sean Connery!!"). Kurz: Familienatmosphäre unter – möglicherweise – Philharmonie-Novizen. Dass die Security-Menschen, die es wagen, den großen Mann um ein Autogramm zu bitten, sofort aus dem Saal weisen, verrät Nervosität. Ein großer Tag; mit allem, was dazugehört.

Die Berliner Philharmoniker sind bestens für Williams' Musik geeignet

Ich muss gestehen, dass ich die blitzende Armada der Berliner Philharmoniker, die ich aus Karajan-Zeiten kenne, hier erstmals wiedergehört habe. Klar, dass die Hits aus "Jurassic Park", "Superman" und "Harry Potter" ganz anders aufrauschen, wenn ein Orchester dieser Güteklasse exzelliert. Die Berliner Philharmoniker sind dabei besser für Musik von John Williams geeignet als etwa die Wiener Philharmoniker (wo er vorher war). Denn sie sind das amerikanischer klingende Orchester. Mit blitzendem US-Brustpanzer kommen fast alle Stücke daher. Kaum eine Kantilene, die nicht von fettem Bläserchor intoniert würde.

Übrigens lassen die Philharmoniker an diesem Abend ihre berühmten Bläsersolisten fast alle vermissen (außer: Wenzel Fuchs). Ein altes Debütanten-Probem bei diesem Orchester; da können die Gäste so alt sein wie sie wollen ...

Der 89-jährige Williams wickelt sein Publikum souverän um den eigenen Finger

Zugleich sein eigener Conférencier, entpuppt sich der 89-Jährige als alter Entertainer, der er ist. Nicht umsonst leitete John Williams jahrelang die Boston Pops (das wichtigste Orchester der USA). Für die meisten großen amerikanischen Ensembles hat er Einzelnes komponiert. Wenn von "Nicole" die Rede ist, lernt man bald, dass Nicole Kidman gemeint ist. Wenn von "Harrisson", dass er von Harrisson Ford spricht. Williams geht so weit zu erzählen, dass er nach seiner Rückkehr nach L.A. unverzüglich neue Musik für den 5. Teil von "Indiana Jones" schreiben müsse. Ich habe noch keinen Komponisten erlebt, der sein Publikum so souverän um den eigenen Finger wickelt. Alter Fuchs.

Filmmusik im Konzert, das "trägt" für gewöhnlich nicht sehr lang. Weshalb Williams die Tempi anzieht und die Titel auf meist 3- bis 7-Minüter zusammenschnurrt. Schlagerlänge. Das Problem fängt an, wo er sich als notorischer Hymniker erweist. Immer wieder heißt es: Noch ’ne Fanfare. Dirigiert er mal eine Elegie – mit Bruno Delepalaire als Cello-Solist –, so gerät die idyllisch und so harmlos wie ein Schälchen Hüttenkäse. Andererseits hatte ich zum Beispiel nicht voll realisiert, wie bruchlos sich Williams in die Filmmusik-Garde großer Vorgänger wie Erich Wolfgang Korngold, Miklós Rózsa und vor allem Bernard Herrmann einreiht.

Der absolut Letzte einer Galerie großer Hollywood-Komponisten

Williams’ Bedeutung besteht ja darin, der absolut Letzte einer Galerie großer Hollywood-Komponisten zu sein, die noch für echtes Orchester schrieben (während allen Nachfolgern schon aus Kostengründen nur gestattet wird, einen Computer anzuschmeißen). John Williams wurde auf diese Weise der eigentlich einzige Komponist, welcher Teil der Popkultur ist. Titel aus "E.T." oder "Star Wars" sind kaum weniger als die gefühlten Nationalhymnen der Popkultur.

Überfällige Sache also. Unanfechtbare Größe, der Mann. Und: That was fun! Ich beglückwünsche alle, die eines der zurzeit hottest tickets in town ergattert haben.

Kai Luehrs-Kaiser, rbbKultur

Mehr

Weitere Rezensionen

Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker © Monika Rittershaus
Monika Rittershaus

Philharmonie Berlin - Simon Rattle dirigiert die Berliner Philharmoniker

Die Berliner Philharmoniker pflegen auch zu ihren ehemaligen Chefdirigenten ein sehr gutes Verhältnis. So war es bei Claudio Abbado, und nicht anders ist es bei Simon Rattle, der immer wieder gerne an das Pult seines ehemaligen Orchesters tritt. So auch jetzt, und das mit zwei seiner geschätzten Komponisten: Joseph Haydn und Igor Strawinsky.

Bewertung:
Julia Hagen, Cellistin © Julia Wesley
Julia Wesley

Konzerthaus Berlin - Sir Andrew Davis, Julia Hagen und das Rundfunk-Sinfonierorchester Berlin

Da gibt es einmal die seltene Gelegenheit, ein englisches Programm mit viel Erkenntnis und Vergnügen zu hören, und schon ist der Saal nur halb voll. Die drei Werke des Abends entstanden zwischen 1919 und 1945 und bewiesen einmal mehr, dass man in England auf einer Insel ist, die sich nicht so leicht von der Moderne des Kontinents beeinflussen ließ.

Bewertung:
Deutsche Oper Berlin: Der Schatzgräber © Monika Rittershaus
Monika Rittershaus

Deutsche Oper Berlin - "Der Schatzgräber" von Franz Schreker

Franz Schrekers fast erfolgreichste Oper "Der Schatzgräber" ist ein haarsträubendes Mittelaltermärchen über die Gier nach Schmuck – als Bild metaphyischer Triebe, die uns alle in den Abgrund zerren. Das Werk verfügt auch über eine der schwärzesten Frauenfiguren der Operngeschichte; auch wenn Els, so ihr Name, in dieser Inszenierung eher als Frolleinwunder mit Kellnerschürzchen daherkommt. Die Betriebstemperatur des musikalischen Boilers ist immer knapp vor der Explosion. Typisch 20er Jahre, könnte man sagen. Doch darum geht man ja.

Bewertung: