Deutsche Oper Berlin: "Siegfried" – mit Clay Hilley und Waldvogel; © Bernd Uhlig
Bernd Uhlig
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Deutsche Oper Berlin - "Der Ring des Nibelungen – Siegfried" von Richard Wagner

Bewertung:

Dass mit dem letzten Puzzlestein, dem nachgereichten "Siegfried", alles wieder gut sein würde, war ein wohl doch zu frommer Wunsch. Immerhin: großer Jubel nach dem 1. Akt – für formidabel aufgelegte Sänger:innen, mit denen grundsätzlich sehr gut gearbeitet wurde. Das Flüchtlingskonzept dieses "Rings" dagegen wirkt nicht schlüssiger als zuvor; selbst dann nicht, wenn man zugesteht, dass Wagner selber – hier in Gestalt Mimes auch körperlich mitspielend – viele Jahre lang auf der Flucht vor Deutschland gewesen ist. So, fürchte ich, kriegt man die Flüchtlingsthematik nicht in den Blick.

Die Schmiedestube, in der Siegfried sein Schwert schweißt, verfügt bei Regisseur Stefan Herheim über Blasebalge auf dem Dach, wie man sie im Märchenpark Walsrode nicht possierlicher antreffen könnte. Siegfried trägt Bärenfell. Der Wurm Fafner besteht aus Glubschaugen und großen Goldzähnen. Effekte wie aus dem Weihnachtsmärchen. Streckenweise dachte ich, man wolle den ganzen "Ring" hier ganz fürs Kindertheater reklamieren – wofür einiges sprechen könnte.

Ein kühner Einfall im zweiten Akt; der Schluss des dritten Aktes: beknackt

Im zweiten Akt hat Herheim einen kühnen Einfall. Den Waldvogel – als Siegfrieds unschuldiges Selbst – lässt er von einem Knabensopran singen. Vokal grenzwertig, spielt der Junge das großartig, wird von Siegfried gequält und am Ende blutig liegengelassen. Das kann einen schon kalt erwischen. Allein dafür lohnt der Besuch (finde ich!).

Der Schluss des dritten Aktes dagegen, eine Flower-Power-Orgie: beknackt. Herheim kann keine Stück-Schlüsse.

Tenor Ya-Chung Huang singt fulminant

Clay Hilley als Siegfried war schon in der "Götterdämmerung" ein lustig tenoraler Haudrauf. Er findet zu größerer Freiheit, teilweise sogar naiver Idyllik. Als echter Jung-Siegfried: nicht der Hellste, aber der Dollste. Der taiwanesische Tenor Ya-Chung Huang singt den Mime mit der vielleicht größten Stimme, die ich in dieser Rolle je erlebte. Auch spielt er die Wagner-Karikatur fulminant. Ganz toll!

Iain Paterson ist ein beängstigend guter Wanderer (schwer zu besetzen). Wer Wagner-Gesang in der heutigen, hochgerüsteten Schwermetall-Variante will, ist am rechten Ort.

Der Star der Aufführung, Nina Stemme, hat nur gut 20 Minuten zu singen, ganz am Schluss. Da muss man gut eingesungen sein. Sie ist es ... beinahe. Nina Stemme verteidigt den Ruf als beste Wagner-Heroine ihrer Generation - noch so gerade. Vielleicht letztmalig. Ganz glücklich wirkte sie nicht. Hin, wer das noch erleben will.

Deutsche Oper Berlin: "Siegfried" – mit Ya-Chung Huang; © Bernd Uhlig
Bild: Bernd Uhlig

Sängerisch hören lassen kann sich das Ganze

Donald Runnicles dirigiert einen erstaunlich flüssigen, verflüssigten "Siegfried". Ich verstand zum ersten Mal, warum er wegen eines "Ring"-Dirigats in Berlin seinerzeit gewählt wurde. Er kann auch mal leise. Von mir aus sollte er das öfters versuchen.

Seine konzeptuellen Schwächen – verbunden mit dem unseligen, abgedroschenen Koffebild – kann dieser "Ring" nicht abarbeiten. Es reicht, so würde ich sagen, einen Teil zu sehen - und dafür wäre der "Siegfried" nicht das schlechteste Objekt. Das hat sich Herheim gewiss anders vorgestellt. Sängerisch hören lassen kann sich das Ganze.

Kai Luehrs-Kaiser, rbbKultur

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