Szene aus Katja Kabanova an der Komischen Oper Berlin
Jaro Suffner
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Komische Oper Berlin - "Katja Kabanowa"

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Drei Engel für Charlie – so bezeichnet Barrie Kosky, der Intendant der Komischen Oper Berlin, die drei Frauen, die der aktuellen Produktion des Hauses ihren Stempel aufdrücken. Am Samstag hatte die Janáček-Oper "Katja Kabanowa" Premiere.

Musik, die ausdrückt, was die Figuren denken, Rhythmik, die sich an gesprochener Sprache orientiert – das war 1921, als die Oper uraufgeführt wurde, völlig neu. "Katja Kabanowa" ist ein kantiges Werk mit vielen Tempowechseln. Die litauische Dirigentin Giedrė Šlekytė arbeitet die Kontraste klar heraus und trägt zum Gelingen des Abends bei.

Im Zentrum steht Katja. Sie fühlt sich unglücklich, ohne zu wissen warum. Ihr Mann ist ein Langweiler und ihre Schwiegermutter, die ebenfalls im Haus wohnt, hackt permanent auf ihr herum, doch all das glaubt sie ertragen zu müssen – die Geschichte spielt im Russland des 19. Jahrhunderts. Die niederländische Regisseurin Jetske Mijnssen holt sie näher an die Gegenwart heran. Zu sehen sind holzgetäfelte Räume, die nahezu identisch sind. In einem steht Katja und deckt mit steifen Bewegungen den Tisch.

Annette Dasch singt bravourös

"Es ist eine Welt, wo sie nicht raus kann", erklärte die Regisseurin im Vorab-Interview. "Das Bühnenbild steht für das innere Leben von Katja. Egal durch welche Tür sie auch geht, sie kommt immer bei sich selbst an, bei diesem Verklemmtsein, bei diesem Gefangensein in der Welt und diesem Nicht-raus-können."

Fenster gibt es nicht in dieser Szenerie – weder bei Katja noch in den benachbarten Räumen. Die Flusslandschaft, die bei Janáček eine große Rolle spielt, ist nicht zu sehen. Als Katja beschließt, einen Seitensprung zu wagen und das Haus verlässt, öffnet sich in der Rückwand eine Flügeltür. Dahinter gähnt das Nichts – eine neblige Dunkelheit, die alles verschluckt. Kein Wunder, dass sich Katja nur widerwillig hinaustraut.

Annette Dasch singt die Partie bravourös. Die Stimmungen der Figur, ihre Ängste und Sehnsüchte, all das kann man bei ihr hören und – sehen. Die Mühe, die es Katja kostet, in ihrem Ehegefängnis zu funktionieren, das erotische Verlangen, das sie zu unterdrücken versucht, und schließlich die Leidenschaft, als sie dem Mann ihrer Träume begegnet. Doch

Jetske Mijnssen hat keine kitschige Liebesszene inszeniert. Man sieht wie Katjas Gefühle verrücktspielen. Sie will sich abwenden, doch das gelingt ihr nicht. Angst und Begehren ringen miteinander.

Sehenswert

Die Inszenierung deutet Gefühle hochsensibel aus. Nur eines fehlt – das Gesellschaftspanorama. Janáčeks Oper beschreibt eine Kleinstadt mit vielen sozialen Zwängen, bei Jetske Mijnssen geht es um Individuen. Und genau das ist das Heutige. Katja glaubt an Normen und Werte, die vielleicht gar nicht existieren, doch sie kann nicht aus ihrer Haut. Sie empfindet ihren Ehebruch als Schuld und bringt sich am Ende um. Es ist hochbewegend – psychologisch dichtes Musiktheater, gut gesungen und gespielt, nicht nur von Starsopranistin Annette Dasch, sondern auch vom Rest des Ensembles. Sehenswert.

Oliver Kranz, rbbKultur

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