Silvesterkonzert mit Lahav Shani; © Stephan Rabold
Stephan Rabold
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Philharmonie Berlin - Silvesterkonzert der Berliner Philharmoniker

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In einer kleinen Ansprache bestätigte die Intendantin der Berliner Philharmoniker, Andrea Zietzschmann, was man wusste: akute "Rückenschmerzen" seien der Grund für Kirill Petrenkos Absage des Silvesterkonzerts. Jetzt also der israelische Shootingstar unter den Dirigenten - Lahav Shani. Gestern war der erste von insgesamt drei Konzertabenden.

Rückenschmerzen ... Ist das nicht doch eine etwas laue, ungefähre Begründung? Nun häufen sich Rückenprobleme in Berlin (Ticciati, Barenboim etc.). Die Frage stellt sich, ob Rückenschmerzen nicht ausgerechnet DAS typische Verspannungssymptom von Dirigenten ist, die von Orchestern nicht das kriegen, was sie von ihnen wollen. (So jedenfalls sagen es große Dirigenten, die es wissen können.)

Falls es ein Orchester auf der Welt gibt, von dem man schlicht alles verlangen kann, so wären es wohl die Berliner Philharmoniker. Es sei denn, dass man ZU viel von ihnen verlangt. Ich empfehle, diese Absage sehr, sehr ernst zu nehmen.

Einspringer Lahav Shani kann aus dem vorgesehenen Programm keine runde Sache machen

Aus dem ursprünglich vorgesehenen, sehr sperrigen Programm eine runde Sache zu machen, kann man von Einspringer Lahav Shani beim besten Willen nicht erwarten. Einen Walzer-Diskurs zu beginnen, indem man ausgerechnet den Wiener Walzer ausklammert, war schon bei Petrenko der Kühnheit zu viel. Die jetzt am Anfang eingesetzte "Fledermaus"-Ouvertüre geht massiv, ja dumpf in die Vollen. Mit wasserabweisenden Streichern, ohne Lässigkeit, ohne Süffigkeit. (Nur das bestechende Oboen-Solo von Albrecht Mayer hat man noch nie so zart, betörend und in Süße sich verlierend gehört. Großartig!)

Zugunsten der Sache mag man einwenden: Wenn schon preußisch, denn schon preußisch. Was in Berlin freilich kein eigens zu erarbeitendes Ziel wäre, sondern ein unvermeidliches. Diese "Fledermausw"-Ouvertüre: eher wie von Paul Lincke. Für Lincke aber, mit sieben Kontrabässen, ein bisserl sehr dick besetzt.

Silvesterkonzert mit Lahav Shani – hier: Janine Jansen, Violine; © Stephan Rabold
Janine Jansen, ViolineBild: Stephan Rabold

Janine Jansen - was für eine herrliche Geigerin!

Eindeutig kein Walzer ist das 1. Violinkonzert von Max Bruch – mit Janine Jansen. Was für eine herrliche Geigerin! Sie kniet sich mit Inbrunst und schönster Beweglichkeit in diesen "Klassiker von gestern". Porzellanhaft schimmernder Ton, mit mürben Tiefen und irisierendem Diskant. Jansen ist eine große Kammermusikerin. Sie sucht inständig immer wieder Kontakt zum Orchester. Lahav Shani aber liefert eine zu feste, irdene Form, von der sie abprallt. Man merkt erst beim anschließenden "Liebesleid" von Fritz Kreisler (ein echter Walzer!), was einem die ganze Zeit über fehlte: Sentiment. Und ein klein wenig allerschönster Schlenkerei.

Bei der "Feuervogel"-Suite zeigt Shani, was er für tolle Pianissimi in den Raum zaubern kann

Shanis genuiner Beitrag war die "Feuervogel"-Suite Nr. 2. Hier zeigt er, was er für tolle Pianissimi in den Raum zaubern kann. Seinen Strawinsky geht er sehr debussyhaft flächig und aquarellig an. Er verfließt. Da fehlt Kontur; so dass es vor sich hin treibt – und dann abdriftet aufs offene Meer.

Man soll bei Einspringern nichts Schlechtes sagen; ich möchte es auch nicht tun. War aber doch befremdet, wie irgendwie baff und unmodelliert selbst die Berliner Philharmoniker klingen können, wenn ein Notfall eintritt. Ravels abschließende "La Valse": Zwei alte Elefanten tanzen Tango. Oder eigentlich: Zwei alte Elefanten tanzen Bolero ...

Ein völlig verwaistes Tanz-Departement

Halten zu Gnaden: Der 32-jährige Lahav Shani ist einer der großen Shooting-Stars der Gegenwart (beim Israel Philharmonic Nachfolger von Zubin Mehta, in Rotterdam von Nézet-Séguin). Dass er gerade in Berlin war, ist ein Glück. Trotzdem wird einem hier schockhaft vor Augen geführt, wie völlig verwaist das Tanz-Departement bei den Berliner Philharmonikern ist.

Dies, meiner Meinung nach, schwante ungut auch Kirill Petrenko – am ersten Probentag, den er noch machen konnte. An dieser Breitseite, fürchte ich, ist noch viel zu tun.

Kai Luehrs-Kaiser, rbbKultur

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