Komische Oper Berlin: "Orpheus in der Unterwelt" © Monika Rittershaus
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Komische Oper Berlin - "Orpheus in der Unterwelt"

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"Frenetisch gefeiert", so die Homepage der Komischen Oper, wurde Barrie Koskys "Orpheus in der Unterwelt", als er 2019 bei den Salzburger Festspielen herauskam. Bei der jetzt nachgeholten Berliner Premiere: schichtweise!

Ich weiß nicht, wie es möglich ist, aber: unter mir, im Parkett, schwerster Jubel - in Premieren der Komischen Oper wird immer gejubelt; aber nicht so! - oben, wo ich saß, kaum ein einziger Lacher, stattdessen mehrheitlich lange Gesichter. Empfehlung meinerseits: Unbedingt unten buchen bei dieser Produktion! Ich, verbannt in die Oberwelt, fands fürchterlich, und quälend lang wie schon lange nichts mehr.

Sehr gutes Bühnenbild

Es muss wohl daran liegen, dass die comichafte Schablonisierung auf die Dauer anödet (zumindest mich). Zunächst jedoch: Sehr gutes Bühnenbild! Rufus Didwiszus hat fürs Schlafzimmer im Hause Orpheus ein ranziges Boudoir geschaffen – ganz so wie aus einer Farce von Feydeau, mit labbrigen Stoffwänden, funzeligen Lüstern und einem ramponierten Portal, so wie man es aus plüschigen Pariser Theatern kennt.

Man schießt am Stück vorbei - und zwar ganz gefährlich

Der Witz der Aufführung besteht darin, dass Kammerdiener Styx beständig auf der Bühne ist und alle Dialoge im Overvoice-Verfahren live mitsynchronisiert. Max Hopp spricht dabei in tausend Zungen, mit tausend Stimmen, sehr virtuos; während die anderen, Tansel Akzeybek als Orpheus, Sydney Mancasola als Euridyke und Wolfgang Ablinger-Sperrhacke als Pluto, nur wie im Comic stumm den Mund aufreißen. Ein Effekt ist das, der sich nach einer Weile verbraucht und doch weiter zu Tode geritten wird.

Komische Oper Berlin: "Orpheus in der Unterwelt" © Monika Rittershaus
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Mir scheint außerdem, dass man durch radikale Entpsychologisierung nicht in die Ehekomödie hineinfindet – bei der sich die gelangweilte Euridyke nur zu gern in die unterhaltsamere Unterwelt entführen lässt und Orpheus sie nur zurückholt, weil die Öffentliche Meinung (Countertenor Hagen Matzeit) in dazu nötigt. Man schießt am Stück vorbei - und zwar ganz gefährlich.

Die beste Bank: das Orchester

Den größten Lacher erbringt der juwelenbesetzte Pimmel des Jupiter (Peter Bording). I don’t get it. Die beste Bank ist das diesmal das Orchester. Unter Adrien Perruchon klingt das süffig, süffisant, wackelt und hat Luft. Im Salzburger Haus für Mozart, wo die Aufführung ganz anders besetzt war (mit Anne Sofie von Otter als Öffentliche Meinung, Joel Prieto als Orpheus und Marcel Beekman als Pluto) dürfte die Konstellation – noch dazu mit den Wiener Philharmonikern – gleichfalls sehr andersartig gewirkt haben.

Komische Oper Berlin: "Orpheus in der Unterwelt" © Monika Rittershaus
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Kosky ist in der Oberwelt angekommen - diesem "Orpheus" bekommt das nur bedingt

Vielleicht ist es an der Zeit, den glanzvollen Ruf des Barrie Kosky ein Stücklein zu entzaubern. Ein Regisseur mit hoher Trefferquote und einigen Großtaten im Bereich der Berliner und Wiener Operette. Seine Offenbachiaden dagegen waren nicht so dolle. ("Hoffmanns Erzählungen" mühsam, die "Schöne Helena" okay, die "Gerolstein" ein Desaster.)

An das unausbleibliche Oberschenkelgeschmeiße, die notorische Gesäßgymnastik und all die Wadenverwicklungen sind wir inzwischen auch gewöhnt. Kosky, gestern frisch von der Wiener Staatsoper kommend (wo er "Don Giovanni" inszeniert hatte), ist in der Oberwelt angekommen. Diesem "Orpheus" bekommt das nur bedingt.

Kai Luehrs-Kaiser, rbbKultur

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