Berliner Philharmoniker – Daniel Barenboim dirigiert Verdi; © Bettina Stoess
Bettina Stoess
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Philharmonie Berlin - Daniel Barenboim dirigiert Verdi

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Daniel Barenboim hat schon umjubelte Aufführungen großer Verdi-Opern dirigiert. In seinem Konzert mit den Berliner Philharmonikern stellt er nun Werke des Komponisten vor, die zunächst nicht zur Veröffentlichung vorgesehen waren. Kein Zweifel, dass Barenboim, der im November 80 wird, so etwas wie einen "Alterschub" hat. So fahl und spitzäugig wie vor den TV-Kameras beim Wiener Neujahrskonzert sah er aber jetzt, bei Berliner Normalbeleuchtung, nicht aus.

Daniel Barenboim geht schwer. Er gibt kaum noch Einsätze; der skurril verwackelte Beginn des Konzerts wird kein Zufall gewesen sein. Da mag der Orchesterzitterer Reflex einer dirigentischen Gesamtverfassung sein. Tut nichts. Selbst Greisenhaftigkeit – und so weit sind wir bei Barenboim noch nicht! – schützt vor guten Dirigaten nicht. Eigentlich ist der Dirigentenberuf ja der letzte, in dem das Alter punkten kann.

Ein Verdi-Programm ganz ohne Hits

Außer beim Papst; womit wir in Italien landen. Ein Verdi-Programm ganz ohne Hits: Kunststück! Die (Streicher-)Orchesterfassung des einzigen Streichquartetts etwa, das Verdi 1873 aus Langeweile in Neapel komponierte, war vor fast 50 Jahren erstmals und letztmals bei den Berliner Philharmonikern aufgeführt worden. Da war es 100 Jahre alt.

Orchesterfassungen von Streichquartetten sind normalerweise eine gefährlich zähe, lederne Angelegenheit. Warum? Weil die Transparenz verloren geht – und Soße an ihre Stelle tritt. (Warum das?! Nun, weil die ursprünglich vier Stimmen verbreitert, aber nicht in sich geteilt werden.) So war ich doch überrascht, wie viel Fluss, Großzügigkeit und Brio die Philharmoniker dem Werk abgewinnen. Alle 50 Jahre? Warum nicht.

Ein leichter "ABBA-Comeback-Eindruck"

Im Zentrum des Abends, die "Quattro pezzi sacri", sind Verdis letztes Werk - auch sie ursprünglich nicht zur Veröffentlichung bestimmt. Man kann man sich eines leichten "ABBA-Comeback-Eindrucks" nicht erwehren. Alte Genialität blitzt auf, doch die Melodien wirken entkräftet, wie ausgeblasen. Weltentrückt. Zum Tode verklärt. Das Orchester selber kommt nur im zweiten und vierten Stück überhaupt vor. Auch die Solistin Liubov Medvedeva hat ganz wenige Takte. Man kommt irgendwie nicht so richtig rein. Was an uns liegen dürfte; denn die Sprödigkeit ist gewollt.

Mit dem abschließenden "Te Deum" unterm Kopfkissen wollte Verdi begraben werden. Das versteht man bei Barenboim nicht so ganz.

Das Beste am Anfang

Was der Rundfunkchor kann, zeigt sich, wenn die schlimmsten Fortissimo-Stellen am schönsten strahlen. Es gibt da Gesangsstellen, die wie gezupft klingen. Auch gehauchte Einsätze können entwaffnen. Trotzdem ist ganz klar, dass der Rundfunkchor hier nicht auf seinem Stammgebiet arbeitet. Dazu fehlt es an etwas Italianità, an Volksläufigkeit und Küchenlatein. Mit vereinzelten Buhs wurde der Chor dafür eindeutig zu hart abgestraft. Ich habe dafür kein Verständnis.

Einen so mutig programmierten Abend würde Barenboim bei der Staatskapelle, ich denke: nicht wagen. (Da käme das unvermeidliche "Heldenleben" noch hinterdrein.) Das Beste kam zu Anfang: die Ouvertüre zu "Les Vêpres sicilienne". Wie die Berliner Philharmoniker da das vermeintlich Verdi-Rumtata ungeahnt veredeln und wegpolieren, mit sagenhaften Streicheleinheiten in den Violinen, mit finstersten Untergründen, die das ganze Orchester zu verschlingen drohen, sowie einer Messerschärfe, die der Hölle abstudiert zu sein scheint: Erstaunlich!

An dieser Stelle kommt man in den Genuss eines Verdi-Urerlebnisses. Insofern: Nicht verpassen.

Berliner Philharmoniker – Daniel Barenboim dirigiert Verdi; © Bettina Stoess
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Ein ungewöhnliches Barenboim-Konzert

Zwei Nebenbemerkungen: Warum das Catering "aufgrund der allgemein zunehmenden Infektionszahlen" bis auf Weiteres geschlossen ist, scheint mir nicht klar. Die Philharmonie ist voll! Auch der sich verbeugende Chorleiter war nicht Simon Halsey (der angeblich einstudierte, obwohl er, wie inzwischen verlautet, im Januar aus Großbritannien nicht einreisen konnte; es verbeugte sich faktisch sein Assistent Justus Barleben).

Wie auch immer: Unter den (zu) vielen Barenboim-Konzerten, denen ich begegnet bin, war dieses eines der besten. Weil ungewöhnlichsten.

Kai Luehrs-Kaiser, rbbKultur

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