Neujahrskonzert 2022; © RIAS Kammerchor Berlin
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Philharmonie Berlin - Neujahrskonzert des RIAS Kammerchors

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Für Händels ursprünglichen "Judas Maccabäus" waren Gesangssolisten aus Großbritannien vorgesehen gewesen. Die hätten, da sie aus einem Virusvariantengebiet kommen, 14 Tage in Quarantäne gemusst – und viel früher anreisen müssen. So griff der RIAS Kammerchor kurzfristig auf ein Ausweichprogramm zurück, das schon für letztes Jahr in der Schublade lag, als das Neujahrskonzert ganz ausfiel.

Ein schöner Notnagel, zumindest für Leute wie mich, die auf den überlangen, wenn nicht ledernen "Judas Maccabäus" notfalls verzichten können. (Anmerkung: Er kommt schon noch; Chor-Leiter Justin Doyle ist ein Fan des Werkes, und mag mich eines Besseren belehren.)

Zwei Frühwerke aus Händels Zeit in Italien - kurzkurvig und erfrischend

Stattdessen: zwei Frühwerke aus Händels Zeit in Italien. Die Psalmvertonungen "Nisi Dominus" und "Dixit Dominus" – ich lasse nichts auf den frühen Händel kommen! – sind kurzkurvig, erfrischend und ratzfatz wieder vorbei. Man lernt, wie kurz Händel sich fassen konnte, wenn er mal nicht einen ganzen Abend, nur eine kleine Form füllen musste: Sakralpostkarten aus Rom.

Dazu Händels Concerto grosso F-Dur op. 3. Früher, als noch Karajan und Maazel Barockmusik machten, war derlei eine Allzweckwaffe im Gepäck des "Terrorkommandos Festliches Barock". Seither verschwunden. Von der Akademie für Alte Musik wird das – ebenso wie ein "Schwesterwerk" des etwas älteren Henrico Albicastro – mit etwas härterem Bleistift schraffiert.

Betörende Tenor-Fraktion

Ich hatte den Chor im großen Saal der Philharmonie länger nicht gehört – und war erstaunt, wie er sich verändert hat. Unter Justin Doyle ist der Klang kristalliner, auch kühler geworden (im Vergleich zum Vorgänger Hans-Christoph Rademann). Die Textbehandlung – ein altes Monitum von mir – ist – auch beim Magnificat von Francesco Durante – noch weiter in den Hintergrund getreten; teilweise wie hinter einer Milchglasscheibe verborgen. Ich meine das durchaus kritisch, und will doch einräumen: Besonders die Tenor-Fraktion (mit 9 Tenören) habe ich kaum je betörender gehört. Vokal ist der Chor top besetzt.

Sophie Harmsen, Mezzosopran; © Tatjana Dachsel
Bild: Tatjana Dachsel

Sophie Harmsen - die beste Solistin des Abends

"Never louder than lovely", heißt es innerhalb der britischen Chortradition. Dieses Schönheits- und Dezentheitsideal schlägt sich in einer gewissen Grundmunterkeit nieder, die ich nicht zwingend finde (und die mich zu der Frage verführt, warum es nie gelungen ist, so etwas wie eine "Berliner Ästhetik" für die formidablen Chöre bei uns zu finden – so wie es z.B. eine "Dresdener Ästhetik" gibt).

Wenn die beste Solistin des Abends, Sophie Harmsen, mit ihrem hellen Permutt-Mezzo singt: "Dominare in medio inimicorum tuorum" ("Herrsche inmitten deiner Feinde"), so wird sie vom Chor mit lauter Freundlichkeit umgeben. Andererseits: Justin Doyle ist keiner der üblichen Chordirigenten, die nur jene Stelle vertreten, wo sonst ein richtiger Dirigent steht. Er dirigiert wirklich (mit kreativer, plastischer Gestik). Und zwar sogar die Verbeugung danach.

Neujahrskonzert 2022; © RIAS Kammerchor Berlin
Bild: RIAS Kammerchor Berlin

Eine der schönsten, nobelsten Konzerttraditionen in Berlin

Das Neujahrskonzert des RIAS Kammerchors ist – unvermindert – eine der schönsten, nobelsten Konzerttraditionen in Berlin. Man kriegt einen herrlich besinnlichen Dämpfer verpasst, der mich zum Jahresanfang vor Übermut bewahrt. Ich brauche das, und bin nicht allein. Die Dinger sind immer voll. Ich erkläre mir das so: Man hört besser (bei diesen leiseren Konzerten). Denn man hört besser hin.

Kai Luehrs-Kaiser, rbbKultur

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