Philharmonie: Kirill Petrenko dirigiert Tschaikowskys "Jolanthe" © Ole Schwarz
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Philharmonie Berlin - Kirill Petrenko dirigiert Tschaikowskys "Jolanthe"

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Tschaikowskys Kurzoper "Jolanthe" wurde 1892 im Doppelpack mit dem Ballett "Der Nussknacker" bei derselben Premiere vorgestellt. Doch neben dem Glanz des Ballettes verblasste die zarte, märchenhafte letzte Oper des Komponisten völlig. Allmählich kehrt das Werk wieder auf die Bühnen zurück. An drei Abenden ist "Jolanthe" nun in einer konzertanten Aufführung mit Kirill Petrenko und den Berliner Philharmonikern zu erleben.

Er kann wieder gehen. Vom Hexenschuss unberührt bei den Auf- und Abgängen, präsentiert sich Kirill Petrenko am Pult der Berliner Philharmoniker in vertrauter, sportstudiobewährter Biegsamkeit. Ein klein bisschen zugelegt hat er vielleicht in Bauchnabelhöhe. Auch fand er in krankheitsbedingter Pause Zeit genug für eine weitgehendere Rasur (der Bart ist fast ab). Tut nichts. Beim Verbeugen merkt man, wie sich Petrenko nur ganz vorsichtig in die Schieflage begibt. Da ließ der Lumbago vielleicht noch einmal grüßen.

Wer’s nicht wusste, wird’s kaum bemerkt haben.

Asmik Grigorian mit kristallklarerem lyrischen Sopran

Fast derselbe Triumph wie bei "Mazeppa" wiederholt sich bei dieser "Jolanthe". Die Sängerin der Titelpartie, Sonya Yoncheva, hatte abgesagt. Asmik Grigorian, die Sensations-Salome bei den Salzburger Festspielen vor drei Jahren, ist eigentlich eine raffiniertere Besetzung (und Gestalterin). Kristallklar lagert ihr lyrischer Sopran über dem Orchester. Sie braucht sich nicht anzustrengen, um schönste Piano-Stellen und dynamische Feinstabstufungen herzuzaubern. Die Höhe, das gebe ich zu, klingt leicht angeschärft (und etwas eng). Grigorian ist hier zweifellos in einem Grenzbezirk unterwegs. Wie souverän aber und wie besonnen sie sich umtut, ist schon sehr schön anzuhören.

Gelungenes Casting

Bei Tschaikowskys letzter Oper handelt es sich – wie fast immer – um eine überwiegene Männeroper. Die Bass-Gewitter, die bei "Mazeppa" überwältigten, wiederholen sich nicht. Es geht um eine blinde Prinzessin, die in ihrem Kerker von gleich zwei Liebhabern aufgesucht wird (und prompt wieder sehend wird).

Märchenprinz Liparit Avetisyan ist ein typisch russischer Tenor; man erkennt es daran, dass er, allen Schmelzes unerachtet, ganz hinten in der Kehle eine Träne zerdrückt.

Noch mehr Applaus kriegt Ivan Golovatenko als Robert. Wenn man berücksichtigt, wie fulminant sich die nichtrussischen Sänger hier einfügen, etwa der mit mehr finnischen Daunen gesegnete Bass Mika Kares (René), so darf man die Casting-Künste der Aufführung getrost bewundern.

Was für eine Tschaikowsky-Sternstunde!

Schon bei "Mazeppa" hatte ich festgestellt, dass die Berliner Philharmoniker vermutlich nie einen besseren Tschaikowsky gespielt haben als hier. Warum? Weil eine kühle, teilweise eisige Klang-Grundlage einen wichtigen Kontrast zur "gefühlstriefenden" Romantik bildet (und diese erst richtig genießbar macht), für die man Tschaikowsky gemeinhin hält. Das hat im Westen kaum jemand so realisiert wie Kirill Petrenko. Schüttere, schotterhaft schroffe Klänge gibt es da; ein Vorschein beinahe auf Schostakowitsch. Phantastisch, was für Fortschritte man selbst bei einem Orchester wie den Berliner Philharmonikern noch erleben kann.

Show ist bei konzertanten Aufführungen natürlich nicht viel. Das rotschwarz karierte Wickelkleid der Protagonistin hörte ich im Publikum umschrieben als "provençalische Schloss-Tischdecke". (Witz und Spitzzüngigkeit im Parkett werden doch immer unterschätzt.)

Ich würde zur Verteidigung vielleicht anführen: Nach 90 Minuten ist der Spaß vorbei, da muss man sich schon etwas überlegen. Hier geschehen. Nüchtern wollen wir vermelden: Was für eine Tschaikowsky-Sternstunde! Schon heute einer der Höhepunkte der Ära Petrenkos in Berlin.

Kai Luehrs-Kaiser, rbbKultur

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