Deutsche Oper: Antikrist © Thomas Aurin
Thomas Aurin
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Deutsche Oper Berlin - "Antikrist" - Kirchenoper von Rued Langgaard

Bewertung:

"Antikrist" ist eine äußerst selten gespielte Oper, die sich zwischen Spätromantik und Moderne bewegt. In seinem von ihm selbst als "Kirchenoper" bezeichneten Spätwerk spannt der dänische Komponist Rued Langgaard ein apokalyptisches Panorama menschlicher Laster auf, das den Untergang der Welt beschwört und doch Hoffnung birgt. Mit "Antikrist" setzt die Deutsche Oper ihre Präsentation von Opern der Zwanziger Jahre fort.

Diese "Allegorische Oper", uraufgeführt Jahrzehnte nach dem Tod des Komponisten Rued Langgaard (1893-1952), kennt kein Mensch. In einer vom Glauben abgefallenen Welt beschwört Luzifer den Antichrist herauf. Er soll den Leuten in Gestalt von Hass, Missmut, Lüge und Hurerei das Verderben bringen. Am Ende wird der Antichrist von Gott wieder vernichtet – und die Menschheit aufs Schönste erlöst. Dieses etwas matte Ende mag nicht so viel sein, wie man sich von dem Sonderling und wunderlichen Heiligen Rued Langgaard erhofft hat. Exzentrisch war der in dieser Oper (der einzigen, die er geschrieben hat) hauptsächlich, indem er musikalisch etwa zehn Jahre zurück ist.

Einige magische Einfälle

Gut gefüllt ist die Deutsche Oper, und man kann den Publikumserfolg verstehen. Tonal, wagneresk und leicht jugendstilig, verleugnet das oft hymnische Werk seine Nähe zu Zemlinsky oder dem frühen Schönberg (der "Gurre-Lieder") nicht. Einige magische Einfälle, wie man sie nur in den besten Werken etwa von Britten oder Braunfels findet, sind dem Komponisten gelungen. Er konnte was. An ihn erinnert ein Festival im dänischen Ribe, wo er Organist war. György Ligeti bezeichnete sich einmal ironisch als "Langgaard-Epigonen". Das aber bezog sich wohl auf ein fortschrittlicheres Werk.

Expressionistisch, originell, abenteuerlich

Regisseur Ersan Mondtag, ein Freund der Plakafarbe, hat mit fettem Pinsel eine beeindruckende expressionistische Häuserschlucht fabriziert. Orignellerweise macht er ein Tanzstück aus dem Ganzen. Die Sänger zeigen abenteuerliche Bodypaintings. Der "Mund, der große Worte spricht" (eine der maskierten Inkarnationen des Antikrist) gleicht einem Seeteufel mit aufgerissenem Fischmaul. Die "große Hure" trägt ein Fat-Suit mit abreißbarem Penis. Es gibt Sauriervisagen von solchem Schauwert, dass am Ende umso länger applaudiert wurde, nur um die Kostüme länger bestaunen zu können. Ein Geisterbahn-Spaß für die ganze Familie. Gesungen wird auf Deutsch.

Flurina Stucki als Hure und der immer besser werdende Thomas Lehman (Luzifer) haben hörbar Spaß an der Entstellung. Gesanglich ist der Abend tiptop. Auch Chor und Orchester können ordentlich punkten. Warum Donald Runnicles, auf dessen Initiative die Inszenierung zurückgeht, die Arbeit scheute, das Werk zu lernen, weiß ich nicht. Sein ehemaliger Assi Stephan Zilias verwandelt das gut. Solche Sachen kriegt das Haus immer super gebacken.

Insgesamt sehenswert

Man hätte sicherlich mehr aktuelle Bezüge aus dem Stoff herauslesen können. (Das Loblied auf den Hedonismus etwa ist dasselbe, das noch immer gesungen wird. Dagegen konnte ich den angeglich hier heraufdämmernden Faschismus in der Inszenierung nicht recht wiederfinden.) Egal. Hier wird ein großes Pandämonium, ein apokalyptischer Budenzauber gefeiert. Ich war nicht wirklich von den Socken. Höchst beguckenswert und kurios aber ist die Sache doch.

Kai Luehrs-Kaiser, rbbKultur