Staatstheater Cottbus: Le nozze di Figaro © Marlies Kross
Marlies Kross
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Staatstheater Cottbus - "Le nozze di Figaro" von Wolfgang Amadeus Mozart

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Mozarts "Le nozze di Figaro" verhandelt einen kuriosen Liebesreigen und nimmt die Ideale der Französischen Revolution vorweg: Damals ein Politikum und Skandal. Aber ist es das heute noch, wenn "Figaro" im Staatstheater Cottbus zur Aufführung kommt?

Was für ein verrückter Tag! Ein liebestoller Graf betrügt seine Gattin und wird in seine Schranken verwiesen. Ein Diener bangt um seine Geliebte, muss sich mit einem Widersacher herumschlagen, der sich als sein Vater, und sich mit einer Erzfeindin versöhnen, die sich als seine Mutter entpuppt. Bis alle Liebesverirrungen geglättet sind, werden Briefe, Rollen und Kostüme gewechselt. Dass das Tohuwabohu nicht in einer Revolution endet, bewirkt die Kraft der Liebe, die die Klassengegensätze für einen kurzen Moment aufzuheben vermag.

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Eine Komödie in Zeiten des Krieges

"Opera buffa", eine Komödie in Zeiten des Krieges: Das geht nur mit Bauchschmerzen und schlechtem Gewissen: Während direkt vor unserer Haustür Krieg herrscht, die europäische Friedensordnung zerschossen und Demokratie und Freiheit von uns allen auf dem Spiel steht, sich an den wohligen Klängen von Mozart berauschen und sich über die Gefühlsverwirrungen eifersüchtig Liebender amüsieren, fällt ziemlich schwer.

Intendant Stephan Märki möchte solche Bedenken zerstreuen, beginnt den Premierenabend mit einer Rede und beantwortet die Frage, ob man angesichts der Ereignisse in der Ukraine überhaupt spielen solle, mit einem klaren "Ja“": Kunst, sagt er, stehe für Freiheit und Demokratie und bringe Licht in die Dunkelheit. Mozarts "Figaro" stehe für Aufklärung, Toleranz und Versöhnung.

Vielleicht hat er recht. Tatsächlich kann man nach einiger Zeit die Kriegsgedanken im Kopf ausschalten und sich in den Rausch der Musik fallen lassen, in dem warmen Notenmeer baden, das so selig an Komödien-Gestade schwappt und uns vorgaukelt, Kunst könne die Wirklichkeit ersetzen, die Liebe alle Wunden heilen.

Balance-Akt zwischen Revolution und Liebe

Regisseurin Jasmina Hadžiahmetović versucht einen Balance-Akt zwischen Revolution und Liebe, die gesellschaftlichen Schranken zwischen arm und reich sind bereits eingerissen, das soziale Gefälle überwunden, die Revolution hat längst stattgefunden: alle sind irgendwie gleich und frei, brüderlich und schwesterlich vereint in ihrem erotischen Begehren und sexuellen Gelüsten und ihrer rasenden Eifersucht.

Dániel Foki ist ein sich im erotischen Ausnahmezustand befindlicher Graf Almaviva, ein bärbeißiger Bariton, der vor sexueller Lust schäumt und keinen Widerspruch duldet. Nina-Maria Fischer ist eine hyperventilierende Gräfin Almaviva am Rande des Wahnsinns, die sich mit scharf glänzendem Sopran einen Pfad durch den Dschungel der Gefühle schlägt und ihren untreuen Gattin zur Räson bringt. Ketevan Chuntishvili ist eine vulkanisch aufbrausende Susanna, die mit silbrig schimmerndem Gesang alle ums den Finger wickelt, den notgeilen Graf an der langen Leine führt und ihren flatterhaften Figaro, den Philipp Mayer als Kraftbolzen mit hormonellem Überschuss in Körper und Stimme versieht, so lange auf Distanz hält, bis er endlich weiß, was und wen er wirklich will. Rahel Brede in der Hosenrolle des Pagen Cherubino wechselt ständig Rolle, Kostüm und Geschlecht, suhlt sich im erotischen Clinch und betört alle mit ihrer elfenhaft durch das Märchenland der Liebe spukenden Stimme.

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Zeitgeist trifft Rokoko

Es liegt im Überall und Nirgendwo, nicht im Spanien des 18. Jahrhunderts: kein Schloss nirgendwo, Sevilla nur ein fernes Gerücht. Man haust in einem verschachtelten Bungalow-Container mit schicken Bauhaus-Möbeln, an der Außenwand hängen ein paar Blumen und Zweige, Reste eines ehemaligen Parks, in dem sich die Paare und Passanten bei ihrem anschwellenden Liebesreigen heillos verlieren und verirren. Graf und Gräfin bevorzugen feine Stoffe und üppige Kleider aus grüner Seide, Susanna und Figaro stehen mehr auf roten Zwirn: sie trägt ein freizügiges Cocktailkleid, er einen hautengen Anzug.

Ambiente und die Kleidung sind von heute, die geschminkten Gesichter und gepuderten Perücken von gestern: Zeitgeist trifft Rokoko. Irgendwann vermischt sich alles zu einer bunten Karnevals-Fete mit Masken, Gesängen und einem Happy End in vollendeter Harmonie.

Ein wohlklingendes Vergnügen, das jedoch schnell wieder verflogen ist

Großen Anteil daran haben Johannes Zurl und sein Philharmonisches Orchester. Zurl ist ein leichtfüßig tänzelnder, gut gelaunter Dirigent, er atmet kräftig und summt hörbar mit, himmelt mit fiebrigen Augen sein Orchester an, flirtet mit Gyuseong Lee am lieblich säuselnden Hammerklavier, schubst die Sänger auf einen sanften Notenteppich, mit dem sie beschwingt durch den "Figaro" segeln.

Zurl kennt keine Ecken und Kanten, nur Harmonie und Wohlklang: Er träufelt uns mit mildem Lächeln das verführerische Gift der perfekten Schönheit ins Ohr.

Aber die Schönheit ist auf Dauer etwas einschläfernd und schal: Wenn man nach 3 1/2 Stunden das Theater verlässt und auf dem Nachhauseweg im Radio die neuesten Nachrichten vom Krieg hört, ist das Vergnügen schnell wieder verflogen und weicht dem mulmigen Gefühl, sich gerade einen ziemlich überflüssigen Luxus geleistet zu haben.

Frank Dietschreit, rbbKultur

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Mozart war gerade erst 14 Jahre alt, als er auf seiner ersten Italienreise den Auftrag erhielt, für das Mailänder Teatro Regio Ducale eine große Oper zu komponieren: "Mitridate, Re di Ponto". Die Uraufführung fand 1770 statt. Inspiriert zu der Oper wurde Mozart von einem Drama des französischen Tragödiendichters Racine. Es geht in der Geschichte um einen König, seine beiden sehr unterschiedlichen Söhne, die beide dieselbe Frau lieben, die aber zugleich die Braut des Königs ist. Nun hat sich die Staatsoper Berlin dieses Stück voller Pathos und Leidenschaften vorgenommen, inszeniert wurde es von einem japanischen Team um den Regisseur Satoshi Miyagi.

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