Deutsche Oper Berlin: "Sizilianische Vesper" von Giuseppe Verdi © Marcus Lieberenz/bildbuehne.de
Marcus Lieberenz/bildbuehne.de
Bild: Marcus Lieberenz/bildbuehne.de Download (mp3, 7 MB)

Deutsche Oper Berlin - Giuseppe Verdi: "Les vêpres siciliennes"

Bewertung:

Ein Geläut des Vespergottesdienstes zu Ostermontag des Jahres 1282 gab das vereinbarte Zeichen für ein Beifreiungsmassaker in Palermo – als Mord an den französischen Besatzern. Der blutige Aufstand steht in Verdis Grand opéra von 1855 ganz am Schluss einer konventionellen Liebeshandlung. In Berlin war das Werk seit den 90er Jahren nicht - erst recht nicht in der französischen Originalfassung, obwohl es in Verdis bester Phase – zwischen "Rigoletto" und "Trovatore" – entstand.

Das macht die Aufführung verdienstvoll und setzt den Grand opéra-Schwerpunkt der sich rundenden Intendanz von Dietmar Schwarz fort. Freilich, ein Schinken ist es. Innen zart, außen knusprig, wenn’s geht.

Eine wirkliche Vision fehlt

Oder sind das bereits zu italienische Eigenschaften? Die Deutsche Oper besetzt italienische Opern gern mit französischen Dirigenten; und umgekehrt, wie hier. Enrique Mazzola wuchs in Mailand auf (und begann als Knabensopran an der Scala). Er wählt eine leichte, schlackenlose Klangsprache, worin ihm das Orchester willig folgt. Verdi hat auf knackige Arien weitgehend verzichtet, da es darauf im französischen Musikdrama nicht ankommt. Wenn man sie trotzdem vermisst, so hat der Dirigent etwas falsch gemacht. Mazzola fehlt eine wirkliche Vision und die Fähigkeit zu elegantem Fluss. Das bringt den Abend zeitweilig in Gefahr.

Keine nackerte Männerbrüste zur Revolution!

Den französischen Regisseur Olivier Py kennen wir von Meyerbeers "Prophète", der ähnlich aussah. Schiefergraue Backstein-Fototapeten, tanzende Lüster, dazu ein bekraxelbares Monument und die Drehbühne als Hauptmotor der Deutung. Man scheint Py gesagt zu haben: Bitte diesmal nicht so viel nackerte Männerbrüste zur Revolution! Er hält sich dran. Ein Paar Ballett-Schwäne sind die Überreste des gestrichenen, halbstündigen Balletts. Dass Py bei der Befreiung auf Sizilien an die Kolonialgeschichte Frankreichs in Algerien denkt, mag den Intentionen des berühmten Librettisten Eugène Scribe entsprechen. Über Dekorationstheater führt es nicht hinaus.

Ein Flächenbrand von Jubel zur Premiere

Stars fehlen. Hulkar Sabirova als Hélène fehlt anfangs die Mittellage, Piero Pretti (Henri) singt, als fasse er sich mit der Hand zur Gurgel. Beides gibt sich dann nach der Pause. Roberto Tagliavini als Aufrührer Procida bleibt zu italienisch grobkörnig, alle werfen sich zu stark auf die Spitzentöne. Aus Thomas Lehman, dem konkurrenzlos großartigsten Darsteller untersetzter Schwächlinge, wird diesmal weniger gemacht als möglich. Man nennt das: Achtungserfolg.

Genug ist nicht genug, würde ich darauf antworten. Da passiert, was eben passiert, wenn man ein Stück aus programmdramaturgischen Gründen ansetzt und dann schaut, wie man den Fall löst: Man muss zufrieden sein, wenn man den Stab überhaupt zusammenkriegt.

Die Premiere ging dennoch in einem Flächenbrand von Jubel auf. Das liegt einerseits daran, wie phantastisch wirkungsvoll Verdi den Schluss gestaltet. Es liegt auch am Chor und an dem schließlich doch gut eingesungenen Ensemble. Sowie daran, dass man dankbar ist vor lauter Erschöpfung. Zur Pause zu kommen, wäre eine Option. Gevespert wird zum Schluss. Da kommt man immer noch rechtzeitig genug.

Kai Luehrs-Kaiser, rbbKultur