Elisabeth Leonskaja, Pianistin © Marco Borggreve
Marco Borggreve
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Konzerthaus Berlin - Hommage an Schostakowitsch mit Elisabeth Leonskaja

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Sie ist eine der großen Klavierlegenden – Elisabeth Leonskaja. Ihre Wahrhaftigkeit, ihre begnadete Technik, ihre Anschlagskultur auf höchstem Niveau – alles das war zu erleben in einem Programm, das kaum jemand anderes als sie so zelebrieren kann.

Eine Hommage an Dmitrij Schostakowitsch. Natürlich von langer Hand geplant. Aber wie wirkt das in diesen Zeiten? Keine Rede, keine Ansprache, dafür ein stilles Einlageblatt im Programmheft. Konzerthaus-Intendant Sebastian Nordmann und der Chefdirigent Christoph Eschenbach nehmen darauf Bezug, wie Schostakowitsch Zeuge und Betroffener von Verfolgung und Krieg war.

Und sie ziehen Parallelen zur Gegenwart: "Die Trauer, die aus vielen Werken Schostakowitschs spricht, ist auch unsere. Die Hoffnung, die dennoch durch die Musik schimmert, dürfen wir nicht verlieren. Gerade in diesem Moment kann Kultur Brücken bauen. Versuchen wir es."

Trauer und Hoffnung

Zentrales Werk in diesem Konzert ist die zweite Klaviersonate von Dmitrij Schostakowitsch. Komponiert auf den Tod seines Kompositionslehrers, aber man darf auch nicht vergessen: geschrieben in Kriegszeiten 1942. Das ist, wie so oft bei Schostakowitsch, herb, tragisch und sarkastisch, aber auch von Einfachheit, da gibt es Momente erschütternder Harmonie mit angedeutetem Hoffnungsschimmer. Man hört dieses Werk selten, aber gibt es bessere Musik für diese Ambivalenz?!

Wer könnte das besser spielen als Elisabeth Leonskaja. Sie vereint alles in sich: grenzenlose Technik mit einer Anschlagskultur, bei der ein einzelner Ton genügt, dass man sofort gebannt zuhört. Über eine Minute gibt es da eine einstimmige Melodie – Leonskaja spielt das mit einer Intensität, dass man sofort in den Sessel gedrückt wird. Und diese Melodie setzt sich durch alle Hindernisse durch. Da ist eine atemlose Stille im Saal.

Schwergewichte für Stahlfinger

Auch die anderen Werke des Abends haben es in sich. Peter Tschaikowskys große Klaviersonate ist ein gigantischer Lindwurm, ein Kraftstück für Stahlfinger. Natürlich hat Elisabeth Leonskaja auch das, aber viel mehr noch: Bei ihr bekommt es oft Leichtigkeit, mitreißendes Pulsieren, dazu Pausen, dass man das Gefühl hat, die Zeit bleibt stehen. Tschaikowsky macht es einem hier nicht leicht, aber Elisabeth Leonskaja versteht es, Stroh zu Gold zu spinnen.

Alfred Schnittkes aphoristische Variationen über einen Akkord fliegen wie Gesteinsbrocken durch das Weltall, während Sergej Prokofjews "Sarkasmen" Gewalttätigkeit als Stilmittel zu bemühen scheinen. Aber auch hier weiß Elisabeth Leonskaja klug zu disponieren. Die Musik ist letztlich immer klüger als die Komponisten selbst, das weiß die Pianistin, und so fliegen diese Miniaturen geistreich, bisweilen augenzwinkernd vorüber.

Lebende Legende

Das war ein Abend mit einer lebenden Legende. Warum? Elisabeth Leonskaja verkörpert eine aussterbende Tradition, die keine Konzepte oder konstruierte Interpretationsansätze benötigt. Sie kann im Grunde spielen, was sie will – Hauptsache, es geht durch sie durch. Sie spielt mit Intensität, Leidenschaftlichkeit, aber auch mit Strenge.

Kein Kitsch, keine Übertreibung – das hat sie alles nicht nötig. Sie gehört zu der Generation, die mit einer einfachen Melodie eine ganze Geschichte erzählen kann, da kommen einem Namen wie Emil Gilels oder Swjatoslaw Richter in den Sinn. Alles Aufgeplusterte kann sie von sich weisen – sie ist eine Anti-Diva im besten Sinne, und deswegen kann sie sich ganz auf die Musik selbst konzentrieren. Lange war ein Klavierabend nicht mehr so erschütternd und beglückend zugleich.

Andreas Göbel, rbbKultur

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