Staatsoper Unter den Linden: Turandot © Matthias Baus
Matthias Baus
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Staatsoper Unter den Linden - "Turandot" von Giacomo Puccini

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Seit 2007 lockt das Open-Air-Spektakel "Staatsoper für alle" jedes Jahr tausende Besucher:innen auf den Berliner Bebelplatz neben der Berliner Staatsoper. Am Wochenende gab es nicht nur ein Konzert mit Werken von Schumann und Tschaikowsky unter dem Dirigat von Daniel Barenboim zu erleben. Am Samstag feierte Philipp Stölzls Neuinszenierung von Puccinis "Turandot" ihre Premiere. Mit Zubin Mehta am Pult.

Staatsoper Unter den Linden: Turandot © Matthias Baus
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In die Steh- oder Sitzoper "Turandot" ein bisschen Kamerabewegung zu bringen, war die Übertragung nach draußen ("Staatsoper für alle") gewiss kein schlechtes Mittel. Wahnsinnig voll war es auf dem Bebelplatz nicht – wegen der Hitze, und trotz allfälliger Hits sowie einer lebenen Legende am Pult. Dass die Qualität einer Inszenierung ein solches Gratis-Event wesentlich beeinträchtigen kann, glaube ich nicht. Eine Premiere, immerhin. Fairer Deal.

Stölzl inszeniert "Turandot" als nordkoreanisch anmutende Diktatur

,Drinnen auch nicht ganz voll. Leichte Abwanderungstendenzen nach der Pause, zudem Buhs für einzelne Sänger (Altoum) und - üblicherweise - für das Regie-Team. Rituale müssen eingehalten werden. Nicht ganz leicht wäre es, eine vollkommen gelungene Produktion von Puccinis letzter Oper überhaupt zu finden. Entweder man kann sie nicht besetzen (hier kann man’s). Oder die eisumgürtete, männerfressende chinesische Prinzessin enträtselt sich nicht.

Regisseur Philipp Stölzl führt das Ganze als nordkoreanisch anmutende Diktatur vor; die paradoxerweise auf ihrem Ahnenkult besteht. Hauptenergien eines Dutzends von Marionettenspielern werden darauf verwendet, die Riesenpuppe, eine von Turandot verehrte Ahnin namens Lo-u-Ling, mühsam zu manövrieren. Was leider in keinem Verhältnis zu ihrem Bedeutungsmehrwert steht.

Dass sich das Volk seine Diktatoren selber wählt (deswegen muss die Puppe bewegt werden), ist gewiss ein Grundproblem unserer Gegenwart. Leider ist Stölzl indes kein wirklich politischer Regisseur, weswegen die Deutung auf der Stelle tritt.

Das Statuarische, Schematische, auch die Rauschebärte wird man auf diese Weise nicht los.

Elena Pankratova mit fulminant überkuppelten Spitzen und ein "Knockout-Tenor"

Elena Pankratova – man hatte Netrebko ausgeladen, um eine andere Russin zu nehmen – ist eine interessante Sängerin. Fulminant überkuppelte Spitzen! Das ändert nichts daran, dass andere Töne grell ausfallen und die Höhe kreischt. Sie soll ein Monstrum sein, und klingt prompt so. Nicht allen behagte das (mir weitgehend schon). Yusif Eyvazov (der Ehemann Netrebkos) ist ein, nun ja... "Knockout-Tenor". Forte und Fortissimo kann er gut. Beim "Nessun dorma" kriegt man als Hörer ordentlich eins auf die Umme. (Subtiler würde ich es nicht ausdrücken wollen...)

Besorgniserregend schwacher Abend für (den mürbe und bröckelig klingenden) René Pape. Am Besten, besonders unter der Folter (3. Akt): Aida Garifullina als lyrisch hinsterbende Liù.

Staatsoper Berlin: Turandot © Matthias Baus
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Ein Ungetüm

Zubin Mehta sitzt im Graben tief und unsichtbar. Er kommt, gesundheitlich reduziert, souverän durch, peitscht manchmal sogar voran. Ein Konzept habe ich, ehrlich gesagt, nicht erkennen können. So bleibt es bei einer mühsam beschworenen Weihe des Hauses. Irgendwie anstrengend, das Ganze. Ich habe dennoch wenig bessere Turandots irgendwo gefunden. Das Ding ist sicherlich schön, aber ein Ungetüm. Auch hier.

Kai Luehrs-Kaiser, rbbKultur

Staatsoper Unter den Linden: Turandot

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