Konzert der Rolling Stones in der Waldbühne zum Abschluss ihrer Europatournee "Sixty", Berlin, 04.08.2022; © imago-images.de/Carsten Thesing
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Zusatzkonzert zum Abschluss der "Sixty"-Tournee - Die Rolling Stones in der Waldbühne

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Die Rolling Stones und die Berliner Waldbühne – das ist eine lange Geschichte, die bis ins Jahr 1965 zurückreicht. Damals demolierten fanatische Anhänger der Band das Mobiliar des Auditoriums und das Konzert musste nach 20 Minuten abgebrochen werden. 57 Jahre später, beim Abschluss-Konzert der "Sixty"-Tournee, blieben solche Krawalle aus. Ein denkwürdiger Abend war es trotzdem.

Es war eines der am sehnsüchtigsten erwarteten Konzerte dieses Sommers – die Rolling Stones zum Abschluss ihrer "Sixty"- Tournee noch einmal in der Waldbühne. Ein Rentner-Treff mit Rollator auf – und Sauerstoffzelt hinter der Bühne, hatten manche Kommentatoren im Vorfeld geunkt, doch sie lagen falsch. Völlig falsch. Denn die Stones zeigten einmal mehr, dass sie nicht nur die größte Rock’n Roll Band aller Zeiten sind, sondern dass sie dies wohl auch bleiben werden. Wer wollte ihnen diesen Rang heute noch ernsthaft streitig machen?

Rolling Stones in der Berliner Waldbühne, 03.08.22 © dpa/Soeren Stache
Bild: dpa/Soeren Stache

Eine fröhlich-bunte Hippietruppe

Pünktlich um 19:45 Uhr betrat die Band die Bühne, nachdem zuvor ein kleiner Film mit Bildern des im vergangenen Jahr verstorbenen Schlagzeugers Charlie Watts über die Videoleinwände geflimmert war. Mick Jagger im blauroten Seidenblouson, Keith Richards mit Blumenhemd, Sonnenbrille und der obligatorischen Bandana im schlohweißen Haar und Ron Wood mit Turnschuhen und einem buntbedruckten Jackett. Wie eine fröhlich- bunter Hippietruppe wirkten die drei, dabei allerdings so authentisch, dass von Peinlichkeit keine Rede sein konnte.

Der größte Special Effect ist die Band selbst

Neben den drei noch verbliebenen Gründungsmitgliedern war der neue Schlagzeuger Steve Jordan mit dabei, dazu Bassist Darryl Jones und eine sechsköpfige Backing Band, aus der vor allem Keyboarder Chuck Leavell und Saxofonist Tim Ries hervorragten. Der Sound war ausgezeichnet und die Sicht von (fast) allen Plätzen gut – einer der großen Vorteile der Waldbühne gegenüber den sonst üblichen Stadionkonzerten. An Special Effects hatte die Stones diesmal eher gespart - aber die waren auch gar nicht nötig, denn der größte Special Effect ist die Band selbst.

Eine Hackepeter-Brötchen am Brandenburger Tor

Wie man mit 79 Jahren noch so fit sein kann wie Mick Jagger, darüber ist schon viel geschrieben worden. Eine schlüssige Antwort hat noch niemand gefunden: Vielleicht ist es ja wirklich die Musik, die diesen Mann jung hält. Zwei Stunden und 15 Minuten rennt er über die Bühne - und das bei 35 Grad. Er tanzt, er flaniert, er flirtet mit seiner Background-Sängerin Sasha Allen und hält das Publikum mit deutschsprachigen Witzchen bei Laune: Mit dem Neun-Euro-Ticket sei er vom Flughafen gleich zum Brandenburger Tor gefahren, um dort erstmal eine Currywurst und ein Hackepeter-Brötchen zu essen. Mmmh! Und nach fünf Schnäpsen der Marke "Berliner Luft" sei sein Deutsch dann perfekt gewesen …

Ein Konzert voller Überraschungen

Rolling Stones-Konzerte laufen meist nach einem ähnlichen Muster ab - und sind doch voller Überraschungen: Zunächst gibt es einen Durchlauf durch verschiedene Stationen ihrer Karriere. Da kann mal eine Perle aus den 60er Jahren mit dabei sein, so wie das charmante "Out of Time", bei dem die 20.000 in der Waldbühne den Refrain aus voller Kehle mitsingen. Oder eine fast vergessene Ballade aus den 70ern wie "Fool to Cry" vom permanent unterschätzen Album "Black and Blue". Und sogar einen (fast) neuen Song haben die Stones im Programm: "Living in a Ghost Town", ein Stück, mit dem die Band 2020 mitten in der Pandemie noch einmal die Spitze der deutschen Charts erklimmen konnte. Dazu flimmern Bilder von verlassenen Städten über die Video-Monitore.

Das Hochamt des Rock’n Roll

Im zweiten Teil des Konzerts folgt dann das Hochamt: Die Songs, die bei einem Stones-Konzert auf gar keinen Fall fehlen dürfen: "Honky Tonk Women", der "Midnight Rambler", "Gimme Shelter", "Jumpin‘ Jack Flash" und als Zugabe dann noch "Sympathy for the Devil" und "Satisfaction". Dabei fällt auf, dass die Band auch diesen tausendmal gespielten Klassikern noch etwas Neues abgewinnen kann: Ein grandioses Doppel-Solo bei "Midnight Rambler" etwa – Ron Wood an der Gitarre und Mick Jagger an der Blues Harp – oder das Gesangs-Duett zwischen Mick Jagger und Sasha Allen bei "Gimme Shelter".

"Ist das nicht ein Sommernachtstraum?" fragt der Sänger anschließend verschmitzt lächelnd ins Publikum.

The last Goodbye?

Bei den Zuschauer:innen, die aus ganz Europa angereist waren und Preise zwischen 200- 500 Euro für ihre Tickets bezahlt hatten, gab es anschließend nur zufriedene Gesichter. Die Stones noch einmal live zu sehen, das war der Traum, den sich viele mit diesem Konzert erfüllt haben.

Doch war es wirklich das letzte Mal? Wer Mick Jagger an diesem Abend erlebt hat, dürfte da so seine Zweifel haben.

Carsten Beyer, rbbKultur

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