Elisabeth Leonskaja, Pianistin © Marco Borggreve
Marco Borggreve
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Eröffnungskonzert im Pierre Boulez Saal - Elisabeth Leonskaja, Michael Wendeberg und das Streichquartett der Staatskapelle Berlin

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Zum Saisonauftakt war neben dem Streichquartett der Staatskapelle Berlin auch der Gründer und Präsident des Pierre Boulez Saals Daniel Barenboim angekündigt. Aus gesundheitlichen Gründen musste er absagen, und gleich zwei Namen teilten sich den Flügel: Elisabeth Leonskaja und Michael Wendeberg.

Elisabeth Leonskaja war in dieser Saison ohnehin eingeladen, mit dem Streichquartett der Staatskapelle Berlin zuspielen, da bot sich das an. Aber da sie eher dem klassisch-romantischen Repertoire zugetan ist und man nicht auf Musik von Pierre Boulez verzichten wollte, deckte der Boulez-Experte Michael Wendeberg diesen Teil ab.

Bravorufe nach Tastenkatze

Hat man jemals erlebt, die 12 Notations, Boulez‘ aphoristisches Frühwerk für Klavier, auswendig vorgetragen zu hören?! Michael Wendeberg konnte sich das alles nicht nur bis ins Detail merken – es war beeindruckend zu verfolgen, wie er bestimmte Töne bis auf die Millisekunde genau auch wieder abdämpfte.

Das hatte nicht nur absolute Kompetenz, sondern auch Witz und Ironie. Da klingt es 15 Sekunden lang in höchster Virtuosität, als wenn eine Katze über die Tasten springt – und dann ist das Stück auch schon wieder zu Ende. Aber auch die ruhigen Stücke wusste er zu gestalten, packte sie in samtigen Klang – sinnlicher hat man das kaum einmal erlebt. Die Bravorufe nach diesen zehn Minuten waren mehr als berechtigt.

Vertrackter Haydn

Das Streichquartett der Staatskapelle Berlin, gegründet vor sechs Jahren, besteht aus den entsprechenden Stimmführern. Die haben also auch noch ihre ganz regulären Orchesterdienste zu leisten. Da ist es mehr als ehrgeizig, wenn sie sich mit dem vierten der sog. "Sonnenquartette" von Joseph Haydn eines der vertracktesten Werke dieser Gattung ausgesucht haben.

Das ist rhythmisch herausfordernd und für alle Instrumente mit gemeinen Stellen nur so gespickt. Die vier haben das sehr konzentriert, auch etwas vorsichtig und mitunter leicht verhakelt absolviert. Der langsame Satz hatte eine stimmungsvolle Verschattetheit in wunderbaren Pastellfarben. Bei den anderen Sätzen schien man das Stück leicht unterschätzt zu haben.

Meisterin des Ausdrucks

Robert Schumanns Klavierquintett – das hört man oft recht leichtgängig als freundliche Unterhaltung. Aber nicht so bei Elisabeth Leonskaja. Alles Oberflächliche ist hier verschwunden, das Tempo zurückgenommen. Ihre Melodien singen aufs Schönste, ihr Anschlag hüllt das Ohr in eine warme Decke. Man fühlt sich von einer Emotion in die andere entführt. Das ist mal ein glitzernder Funkenregen, dann wird man im Trauermarsch des langsamen Satzes von grauen Wolken fast erdrückt.

Sie muss sich nie in den Vordergrund spielen – weil sie einfach immer präsent ist, selbst wenn sie sich mit heimlichem Piano in den Streicherklang schmuggelt. Und dem Scherzo mit seinem burschikosen Übermut bleibt sie nichts an trampolinhaftiger Elastizität schuldig. Eine ganze Welt von Ausdrucksmitteln steht ihr zur Verfügung, und sie setzt sie klug dosiert ein. Schöner und warmherziger als von dieser Meisterin des Ausdrucks hat man das noch nie gehört. Das war eine einzige Umarmung. So herzlich, wie sie als Mensch ist, hat sie hier auch gespielt.

Glückliches Lächeln

Und das Streichquartett dazu? Manchmal braucht es eine Persönlichkeit wie die Klavierlegende Elisabeth Leonskaja, um andere mitzureißen. Und so war das hier – ihre geradezu einnehmende Klaviergestaltung übertrug sich auf die vier Streicher. Das glückliche Lächeln in ihren Gesichtern ließ es erahnen.

Und alles, was beim Haydn noch vermisst werden musste, war hier vorhanden. Melodische Dichte vom Feinsten, besonders die Tiefe der Bratsche von Yulia Deyneka. Hier ist das Streichquartett über sich hinausgewachsen.

Klingender Nachruf

Der langanhaltende Beifall am Ende forderte eine Zugabe. Aber dies auch aus anderem, entsetzlich traurigem Grund. Denn nur kurz vor Beginn des Konzerts kam die Nachricht vom Tod des Pianisten Lars Vogt – viel zu früh und knapp vor seinem 52. Geburtstag. Als Elisabeth Leonskaja davon sprach, ging spürbar eine Betroffenheit durch den Saal.

Ein Stück in memoriam Lars Vogt also, und angemessener hätte es nicht sein können, den langsamen Satz aus dem Klavierquintett von Johannes Brahms zu spielen. Denn Lars Vogt hatte ein sehr breites Repertoire, aber Brahms hat ihn sein ganzes Leben begleitet, mit dessen Klavierwerken hatte er seinen Durchbruch als junger Pianist. Ein von stiller Trauer getragener, bewegender klingender Nachruf.

Andreas Göbel, rbbKultur

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