Staatsoper Unter den Linden: "Götterdämmerung" © Monika Rittershaus
Monika Rittershaus
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Wagners "Ring des Nibelungen" an der Staatsoper Unter den Linden - "Götterdämmerung"

Bewertung:

Das Menschenexperiment dieses "Rings des Nibelungen" darf in der "Götterdämmerung" erwartungsgemäß scheitern. Siegfried, der Jäger des verlorenen Rings, hat die Etage gewechselt. In der Abteilung Gibichungen jenes Forschungsinstituts, in das der Regisseur alle verfrachtet hat, stößt der neue Mitarbeiter auf einen Dauer-Sektempfang. Am Ende, nachdem man ihn zu Tode gemobbt hat, umsteht die Belegschaft mit betretenen Mienen die Leiche. Das Experiment "Neuer Mensch": gestorben. Der Berg kreißt – und gebiert eine Maus. Denn diese Schlussfolgerung sah man von Anfang an kommen. Erkenntnisgewinn: sehr überschaubar.

Dem Regisseur, der sich erst jetzt vor dem Vorhang zeigte, schlug die erwartet steife Brise einer topsoliden "Buh"-Wetterfront entgegen. Untermalt und untermauert freilich von starkem Applaus für die Gesamtleistung. Den Gegnern kann ich ihre Entrüstung nicht verargen. Kein Zaubertrank, keine Jagd. Den Rhein gibt es schon sowieso nicht in dieser Inszenierung.

Die Handlung als eine Recycling-Politik

Auch das Ende wirkt reichlich verschenkt. Brünnhilde, als "Neue Frau", bricht in die Zukunft auf: banaler geht es nicht. Nur Grane, das hehre Ross Brünnhildes, wurde in Gestalt eines Stoffpferdchens behalten. Ein Kriterum, nach welchem bei diesem "Ring" Dinge weggschmissen wurden – das Gold ist kein Gold, der Ring selber wirkungslos –, kann ich nicht erkennen. Außer: Die Handlung wird nach dem Maßstab eines Firmenkonzepts verheutigt. Was man brauchen kann, darf bleiben. Der Rest nicht. Eine Recycling-Politik wäre das, die mir als Konzept reichlich willkürlich und ärmlich vorkommt.

Gewinner aller Klassen: Mika Kares als Hagen

"Götterdämmerung" ist der längste, aber nicht schwerste Teil der Tetralogie. Die Last verteilt sich auf mehr Schultern. Andreas Schager ist nach wie vor ein dauerdraufgängerischer Siegfried, der am Ende allerdings nur noch laut singen kann - aber das ist auf hohem Niveau gemeckert. Anja Kampe wirkt anfangs unerholt, hat auch im Lauf der Vorstellung mehrere Krisenmomente zu überstehen, reüssiert aber mit ungewöhnlicher "Mozart-Fruchtigkeit". Mit lyrisch-aromatischen Tönen also, wie ich sie noch bei keiner Brünnhilde gehört habe (und auch nicht bei dieser Sängerin).

Gewinner aller Klassen: Mika Kares als Hagen (und zuvor als Fasolt und Hunding) - und zwar wegen der naturtönenden Bassgewitter, die sich ihm elegant entringen. Gewiss auch, weil Christian Thielemann ein exzellent guter Sängerdirigent ist, fällt die vokale Bilanz über alles Erwarten gut aus.

Mit dem von Thielemann favorisierten Klang entweicht die Spannung

Die Staatskapelle aktiviert für ihren Dirigenten einen seidenfeinen, dabei angemessen dunkelnden Waldklang. Um es zu wiederholen: Ich habe das Orchester in den letzten 35 Jahren nie besser gehört. So gesehen haben wir in Thielemann einen unerwarteten Überraschungskandidaten für die näher rückende Nachfolge von Daniel Barenboim vor uns. Ich glaube allerdings nicht, dass eine solche Konstruktion von Dauer oder von Glück gesegnet wäre. Thielemann schied, soweit man es von außen beurteilen kann, aus seinen festen Stellen gern vorzeitig und im Unfrieden.

Hier, in der "Götterdämmerung", fällt er außerdem in seinen "Rheingold"-Fehler zurück und dirigiert zu langsam. Er erzielt so zwar einen Effekt gedämfter Pathetik, wie er Werk anstehen mag. Gepaart mit der Softheit des von ihm favorisierten Klangs entweicht aber aus zu vielen Passagen die Spannung. Die Waltrauten-Szene etwa zieht sich endlos (trotz der großen, noch immer souveränen Violeta Urmana). Das Stück zerfällt.

Staatsoper Unter den Linden: "Götterdämmerung" © Monika Rittershaus

Es bleibt ein bitterer Nachgeschmack

Ernüchterndes Fazit: Bei diesem "Ring", exzellent besetzt und sehr profiliert geleitet, steht der szenische Gewinn in kaum einem Verhältnis zum Aufwand. Um das Konzept und sein millionenschweres Bühnenbild kennenzulernen, würde ein Besuch des "Rheingolds" genügen. Dennoch ist dies der beste Berliner "Ring" seit dem berühmten Zyklus von Götz Friedrich – seit knapp 40 Jahren also. Optisch interessanter, sängerisch ausgeglichener als der von Stefan Herheim (aktuell an der Deutschen Oper). Die früheren Staatsopern-"Ringe" waren im Vergleich auch nicht das Gelbe vom Ei. Ein bitterer Nachgeschmack bleibt.

Lohnt solcher Aufwand?! Naja.

Kai Luehrs-Kaiser, rbbKultur

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