Staatsoper Berlin: Siegfried – Andreas Schager (Siegfried), Victoria Randem (Der Waldvogel); © Monika Rittershaus
Monika Rittershaus
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Wagners "Ring des Nibelungen" an der Staatsoper Unter den Linden - "Siegfried"

Bewertung:

Teils zog er sich, teils sank er hin. So könnte man diesen "Siegfried" zusammenfassen, angesichts fast sechsstündiger Dauer einer solchen Aufführung sowie der Tatsache, dass er in einem gigantischen Liebesakt endet (hier allerdings inszenierungsbedingt halb verweigert). Dieser "Ring", nüchtern betrachtet, hat sein Pulver im dritten Teil fast verschossen.

Die 12 aufwendigen Bühnenbilder, welche in der "Walküre" um ein 13. vermehrt wurden, kennen wir nun schon. Siegfrieds Spielzimmer im ersten Akt ist in Hundings ehemalige Hütte (aus der "Walküre") eingezogen. Auch dass der Feuerzauber ironisch ausfällt, wissen wir schon. Man versteht immer besser, weshalb sich der Regisseur Dmitri Tscherniakov erst am Schluss vons Janze vor sein Publikum traut.

Theatralisch, von einigen hübschen Szenen und Einfällen abgesehen, läuft dieser "Ring" auf hohem Investitionsniveau auf Grund.

Es knirrscht im Gebälk des "Ring"-Systems

Wotan, der Seniorchef eines Menschenforschungs-Instituts, hat das Unternehmen inzwischen verlassen. Alt geworden, geht er am Stock und trägt statt des Schlapphuts die bei heutigen Rentnern beliebte, hell-beige Schiebermütze. Sein Fight mit dem ebenfalls greisen Alberich gehört zu den hübschen Szenen der Aufführung. Da kloppen sich zwei alte Säcke, und wissen selbst nicht mehr recht worum.

Stärker denn je kämpft der "Ring" mittlerweile mit Übereinstimmungs- bzw. Adäquatio-Problemen. Dem Ring jagen sie nach, doch der Ring, so erfahren wir, ist in Tscherniakovs Konzept eigentlich wirkungslos. Ebenso ist das Gold kein Gold. (Und das Schwert kommt auch nicht vor.) Eine steile Konzeption mithin - nur geht der Handlung damit jedes Movens und Agens völlig verloren. Worum wird hier eigentlich noch gestritten, gemordet und geliebt?! Warum altern die Götter so maßlos? Schließlich verfügen sie doch über Freias goldene Äpfel, die eben dies verhindern.

Nein, in diesem geschlossenen "Ring"-System knirrscht es gefährlich im Gebälk.

Formidable Besetzungsbilanz

Besetzungsmäßig dagegen: formidable Bilanz. Die großartigen Kraftreserven, die Michael Volle für den (unangenehm hoch liegenden) Wanderer aufbietet, stellen fast seinen Wotan in den Schatten. Andreas Schager wird von Akt zu Akt eher noch besser, weil flexibler. Nur Anja Kampe, obwohl sie ihre Partie mit herrlichen Mozart-Tönen versieht, hat etwas Mühe mit den Aufgipfelungen der Brünnhilde. Stephan Rügamer als Mime habe ich nie besser gehört als hier. Großartig erneut Anna Kissjudit – eigentlich die Berliner Entdeckung des Jahres –, weil sie die Ursorgen der Erda mit einer Zärtlichkeit vorträgt, als sei’s ein Wiegenlied.

Thielemann kann sich selbst überbieten

Christian Thielemann hatte ich schon für die "Walküre" über den grünen Klee gelobt. Was ich wieder tun könnte, zumal er den "Siegfried" völlig anders anlegt. Der ist der heitere dritte Satz eines quasisymphonischen Vierteilers. Also flexibilisiert und beschwingt Thielemann die ersten 2 ½ Akte derart tänzerisch, als hätten wir es mit einem Menuett zu tun. Große Kunst! Super umgesetzt von der Berliner Staatskapelle. Worauf bei Thielemann im Finale des dritten Aktes das Ganze dann in eine riesige, tristaneske Bettszene umkippt. Das nenne ich eine Haltung zum Stück! Noch einmal: Thielemann kann hier alles das überbieten, für was er in Berliner Aufführungen bekannt war.

Ein fürs Publikum zu teurer "Ring"

Ob dieser "Ring" sein Geld wert ist, mögen zum gegenwärtigen Zeitpunkt die Sponsoren entscheiden, die das millionenschwere Bühnenbild bezahlt haben. Fürs Publikum sind die Aufführungen zu teuer. Schon jetzt immerhin ist dieser "Ring" interessanter als der – gleichfalls überladene – Herheim-"Ring" an der Deutschen Oper. Wenn indes alles szenisch vor allem auf eine Verwandlungsorgie hinausläuft – sowohl maskenbildnerisch wie in den Umbauten –, dann ist das als Ergebnis immer noch reichlich mau.

Kai Luehrs-Kaiser, rbbKultur

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