Türkischer Pianist Fazil Say bei einem Konzert im Jahr 2015 (Bild: imago images/Rudolf Gigler)
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Konzerthaus Berlin - "Aus den Fugen" – Eröffnungskonzert mit Fazıl Say

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Man hat sich viel vorgenommen: Mit seinem Festival "Aus den Fugen" will das Konzerthaus Berlin laut eigener Ankündigung visionäre Werke zusammenbringen, die Scharniere zwischen Epochen bilden, und manches mehr. Pandemie, Klimawandel, Digitalisierung, Krieg und Flucht – alles das treibt die Menschen um – "die Welt scheint aus den Fugen".

Aber die Konzerthaus-Dramaturgie sieht darin auch die gerne zitierte Chance in der Krise: "Wenn etwas aus den Fugen gerät, kann es neu zusammengesetzt werden." Etwas konkreter will man Musik spielen, die die Hörgewohnheiten ihrer Entstehungszeit gesprengt hat.

Und man ist hinausgegangen, hat Berlinerinnen und Berliner für ein Klang- und Filmprojekt befragt, wo ihr Leben aus den Fugen geraten ist. Die Beispiele sind dann aber doch eher allgemein und beliebig geraten.

Politisches Werk

Konkreter wird es durch die Einladung des Pianisten Fazıl Say. Er hat sich immer wieder politisch eingemischt, hat schon vor fünfzehn Jahren die Menschenrechtsverletzungen in der Türkei angeprangert und ist auch selbst vor zehn Jahren wegen zweier Tweets wegen "Verunglimpfung religiöser Werte" angeklagt worden.

Seine Sonate "Gezi Park 2" nimmt auf das Schicksal eines 14-jährigen Jungen Bezug, der während der dortigen Proteste zufällig vorbeigekommen ist, bei der gewaltsamen Auflösung der Proteste von einer Gaspatrone des türkischen Militärs getroffen wurde und schließlich seinen Verletzungen erlag.

Say hat ein brutales, wütendes Stück komponiert, Saiten des Flügels werden abgedämpft, die Töne geradezu erstickt, Akkorde werden wie Karateschläge in die Tasten gemeißelt. Das ist weniger eine konkrete Schilderung als vielmehr eine ungefilterte emotionale Widerspiegelung extremer Gefühle.

Beethoven als Extremkomponist

Ludwig van Beethovens sog. "Mondschein-Sonate" spielt Fazıl Say wie ein eigenes Stück. Der erste Satz steht auf der Stelle, in sich versunken, das Finale bekommt wieder diese brutalen Akzente. Dazu ist Say ein ungemein körperlicher Spieler – der Oberkörper ist ins Publikum gedreht, hat er eine Hand frei, dirigiert er mit, und mit den Füßen stampft er rhythmisch auf den Boden.

Das hat System – Beethoven als Revolutionär, der alle Konventionen über Bord wirft und in emotionale Bereiche vordringt, die man damals der Musik nicht zugetraut hätte. Dennoch bleibt diese Sichtweise sehr verengt und holzschnittartig.

Sensibler Musiker

Franz Schuberts letzte Klaviersonate in B-Dur lässt das alles nicht zu. Jedenfalls nicht in dieser Radikalität. Ihre Radikalität liegt in den in ihrer Schönheit verborgenen Abgründen. Die Zeit scheint aufgehoben. Und hier findet Fazıl Say zu seinen eigentlichen Qualitäten: singende Melodien, tiefe Trauer, ein traumhafter Anschlag, der diese leisen und verschatteten Momente einfängt. Eine Tiefe, die einem den Hals zuzudrücken scheint, und von der man trotzdem nie genug bekommen kann.

Hier zeigt Fazıl Say nicht nur seine Genialität und Originalität, sondern ein unglaublich sensibles Einfühlungsvermögen, das der Schönheit dieser Musik bedrohlich nahe kommt.

Andreas Göbel, rbbKultur

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