Leif Ove Andsnes, Pianist © Helge Hansen / Sony Music Entertainment
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Philharmonie Berlin - Klavierabend mit Leif Ove Andsnes

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Der Norweger Leif Ove Andsnes ist seit Jahren mit originellen Programmen unterwegs, in denen er die Standardwerke der Klavierliteratur mit Entdeckungen kombiniert. Da steht aktuell Beethovens Sonate op. 110 neben den "Poetischen Stimmungsbildern" von Antonín Dvořák.

Als "sträflich vernachlässigt", als "lebensbejahrende, einfallsreiche und originelle Musik" bezeichnet Leif Ove Andsnes diese Sammlung von Klavierstücken. Und in der Tat sind das freundliche, hörenswerte Werke. Aber taugen diese Stücke, von "Tändelei" und "Plauderei" bis zu pathetischen "klagenden Gedenken" oder Betrachtungen vom "Heldengrab" zu einer zyklischen Aufführung aller 13 (!) Stücke?

Leif Ove Andsnes hat sich intensiv damit auseinandergesetzt, er spielt auch alles auswendig. Aber trotz allem guten Zugriff fehlt den Sachen die Leichtigkeit - es klingt alles irgendwie gleich und erzeugt mehr und mehr Langeweile in der knappen Stunde, die das dauert.

Wut und Trauer

Wenn Leoš Janáček in seiner Sonate an einen Arbeiter erinnert, der während einer Demonstration ums Leben gekommen ist, zieht Leif Ove Andsnes eine Parallele zu den Demonstrationen im Iran, aber auch zur "Wut und Trauer, die wir angesichts des sinnlosen Krieges in der Ukraine fühlen".

Und das hört man: Da wächst aus dem Flügel ein ganzes Orchester. Brutale Gewalt und überschwemmende Klangfluten lassen die Wucht dieser Musik plastisch erfahren. Und wenn danach eine kleine Bagatelle des ukrainischen Komponisten Valentin Silvestrov tröstende Ruhe, nur Andeutungen, Fragen oder Zögern vermittelt, liegt darin eine ganze Welt mit der Aufforderung, selbst nachzudenken. Ein beeindruckender Klangkosmos - diese 20 Minuten sind die besten des Abends.

Zu sehr nach Rezept

Da passt Ludwig van Beethovens Sonate op. 110 eigentlich perfekt. Darin überwindet der Komponist persönliches Leid mit einer gigantischen Kraftanstrengung. Leif Ove Andsnes hat alle Möglichkeiten, das zu transportieren: einen wunderbaren Anschlag, der perlenartig glitzert, singende Melodien, explodierenden Klang.

Doch warum kocht er nur nach Rezept und zu wenig nach Geschmack? Da fehlt die zweite Ebene, da fehlt der Tiefgang. Es ist alles schön und korrekt, aber er kratzt gerade einmal an der Oberfläche. Leif Ove Andsnes könnte von seinen Anlagen einer der größten Pianisten überhaupt sein. Wann vollzieht er endlich den Schritt, es zu werden?

Andreas Göbel, rbbKultur

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