Vladimir Jurowski dirigiert (Bild: Matthias Creutziger)
Matthias Creutziger
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Konzerthaus Berlin - Vladimir Jurowski dirigiert das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin

Bewertung:

Das hört man auch nicht alle Tage: Richard Strauss‘ "fantastische Variationen Don Quixote", flankiert von vier weiteren Auseinandersetzungen mit diesem Stoff, die man teilweise fast nie im Konzert hört. Eine originelle Idee, die aufgegangen ist.

Und gerade Telemann und Boismortier – welche originelle, freche Musik ist das! Natürlich muss man das spielen können, wenn man kein Originalklangensemble ist. Immerhin haben sich alle sehr gut hineingefuchst. Chefdirigent Vladimir Jurowski nimmt keine Rücksicht und verlangt bisweilen irrwitzige Tempi, da müssen dann halt alle mit. Und schön virtuos ist es auch.

Sicher, manchmal merkt man, dass man beim RSB selten Barockmusik spielt, da ist es mitunter etwas schwerfällig. Und der Telemann ist so elegant, dass das Derbe und Lautmalerische etwas unter den Teppich gekehrt wirkt. Da sind die Liebesseufzer von Dulcinée deutlich zu jugendfrei.

Spaß hatte man trotzdem. Zwei Sätze von Boismortier begleitete Vladimir Jurowski selbst auf dem Tambourin. Das hat sich dann natürlich übertragen und war einfach im besten Sinne Gute-Laune-Musik.

Grandioser Darsteller

Die "Don Quixote"-Lieder von Maurice Ravel und Jacques Ibert hört man selten. Und man braucht einen Sänger, der das verkörpern kann. Der französische Bassbariton Paul Gay ist die Idealbesetzung dafür. Schon sein Auftritt: eine Erscheinung, als wenn da jemand zum Basketballtraining will. Und dann auch noch in knallroter Hose, das muss man sich erst einmal trauen …

Aber der Spezialist für französisches Repertoire hat diese Lieder verinnerlicht – nicht nur auswendig gesungen, sondern verkörpert. Sein mächtiges Organ kann den Saal zum Beben bringen, aber das ist nur eine Facette. Sicher – der verrückte, durchgeknallte Ritter, die lächerliche Gestalt, die sich in Unsinniges verrennt, das kommt alles vor.

Dann jedoch schimmert der Mensch durch mit seinen Sehnsüchten, Wünschen, seiner Verzweiflung. Da wird es am Ende bei Ibert ganz ernsthaft. Das ist keine Karikatur mehr, sondern jemand, der Bilanz zieht. Paul Gay interpretiert das unglaublich rührend und beeindruckend. Welch grandioser Darsteller.

Spitzenaufführung

Vladimir Jurowski weiß um die Ambivalenz der "Don Quixote"-Figur. In Richard Strauss‘ gleichnamiger Tondichtung kommt das alles vor, diese Skurrilitäten, es schnarrt, plätschert und kichert, die Windmaschinen werden angeworfen. Aber Jurowski macht den Anti-Helden niemals lächerlich, führt ihn nie vor. Fast hört man Sympathie heraus, als wolle er sagen: am nächsten sind uns doch die Anti-Helden. Schließlich sind wir alle nicht vollkommen.

Und so entfacht er mit seinem Orchester einen Klangzauber, der das alles transportiert. Das hat eine überraschende Leichtigkeit – nichts vom dick instrumentierten, schwerfälligen Strauss-Klang. Wie Vladimir Jurowski mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin Ernst und Witz, Effekt und Wohlklang in ein Idealverhältnis bringt – das führte zu einer der besten Aufführungen dieses Werkes überhaupt.

Konstanze von Gutzeit, Cellistin© Michael Staab
Bild: Michael Staab

Die Weltklasse-Cellistin

Alles steht und fällt in diesem Werk mit dem Solo-Cello. Und jedes gute Orchester kann das aus eigenen Reihen besetzen. Hier war es Konstanze von Gutzeit, seit einem guten Jahrzehnt Solo-Cellistin im RSB. Und da kann man sich glücklich schätzen, eine solche Musikerin im Orchester zu haben.

Impulsgeberin für ihre Cellogruppe, eigentlich für das gesamte Orchester, hat sie für ihre "Don Quixote"-Interpretation aber weit darüber hinaus eine Charakterzeichnung erschaffen, die den Ritter gar nicht als traurige Gestalt, sondern als Individualisten zeichnet, als jemanden mit eigenem Blickwinkel und im besten Sinne unangepasst.

Das war dermaßen funkensprühend, funkelnd und originell – sie hatte an dieser Sternstunden-Aufführung einen beträchtlichen Anteil. Was für eine Musikerin – das war zum Niederknien schön.

Andreas Göbel, rbbKultur

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