Giuseppe Verdi: I Lombardi alla prima cociata © Dynamic
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Oper - Giuseppe Verdi: I Lombardi alla prima cociata

Bewertung:
Giuseppe Verdi ist der meistaufgeführte Opernkomponist überhaupt, aber selbst er hat ein paar Werke geschrieben, die heute kaum noch gespielt werden. Das Opernhaus in Turin hat sich im letzten Jahr an eine Neuinszenierung seines Frühwerks gewagt.

Die Lombarden enthalten zwar wirklich grandiose Musik, aber dies ist vermutlich das schlechteste Textbuch, das Verdi je vertont hat; dagegen wirkt selbst das absurde Kreuzritterdrama Aroldo wie reiner Shakespeare. Ich zitiere den Experten Danilo Prefumo: "Mittelmäßige Verse, die selbst für die Hörer ans Lächerliche grenzen, die an das niederschmetternde Kauderwelsch vieler Opern des 19. Jahrhunderts gewöhnt sind".

Man könnte das Ganze auch als schlechte Torquato-Tasso-Revue bezeichnen; es reiht sich eine absurde Szene an die nächste: Menschen in den Wirren der Kreuzzüge; ein Typ, der "aus Versehen" seinen Vater umgebracht hat, wird zum Eremiten, ein Liebespaar wird in den Kriegswissen auseinandergerissen, dazwischen rasselnde Aufzüge von Kriegern, dann wieder singende Pilgerzüge, alles zieht in einem Affenzahn an einem vorbei, so dass man kaum zu Atem kommt.

Die Turbulenz des Plots kam Verdis unruhigem, leicht cholerischen Temperament sehr entgegen, und so sind die Lombarden auch eine echte Fundgrube früher großer Verdi-Einfälle.

Deswegen gehört das Werk auch nicht zu den allerrarsten Verdi-Schätzen auf dem Markt. Es hat durchaus interessante Aufführungen der Lombarden gegeben, etwa an der Met mit Pavarotti. Domingo hat den Orante in einer Studioaufnahme gesungen. Und es gibt durchaus eine stattliche Anzahl von Mitschnitten neben den wenigen Studioaufnahmen. Insofern muss sich ein neuer CD-Mitschnitt durchaus gefallen lassen, mit den früheren verglichen zu werden.

Total überflüssig

Und dabei schneidet er bestürzend schlecht ab. Diese Aufnahme leidet sehr unter zwei Mankos. Zum einen hat Dirigent Michele Mariotti hier versucht, eine gewisse Eleganz in das Werk hineinzudeuten, die es nicht gibt. Das ist eine raue, spröde Oper, brillant, aber nicht elegant instrumentiert. Wenn schon Lombarden, dann muss man es auch krachen lassen, dann will man diese wilden Bandas auf der Bühne hören, die rasselnden Zusatzorchester, dann müssen die Schwerter klirren und die Stretten in den Ohren klingen. Hier ist das alles gedämpft und nicht gebraten, und das Zuhören macht keinen großen Spaß, weil die Musik über weite Strecken wie schlechter später Mercadante klingt und nicht wie toller früher Verdi.

Zum andern braucht man für das Liebespaar Oronte - Griselda wirklich stupend gute Belcanto-Sänger, zweite Liga geht vielleicht grade noch, aber dritte wie hier zerfrisst den Glanz des Werks wie Schwefelsäure. Weder Francesco Meli noch Angela Meade können den Rollen die Opulenz verleihen, die sie brauchen, damit dem Hörer etwa die große Taufszene mit obligater Violine die Tränen in die Augen treibt. Alex Esposito ist ein faszinierender Bass und packender Darsteller (wir konnten ihn grade sehr beeindruckend in Hofmanns Erzählungen an der Deutschen Oper Berlin erleben), aber für die Rolle des Eremiten ist die Stimme eigentlich zu hell und baritonal.

Zugegeben, die Chöre sind gut gesungen. Aber das allein macht noch keinen guten Verdi.

Eine der am wenigsten überzeugenden Livemitschnitte der Firma Dynamic seit langem – was überrascht, denn man würde von der prominenten Turiner Oper eigentlich mehr Substanz erwarten als von den Produktionen der vielen kleinen Festivals, die Dynamic zur Freude vieler Opernfans so gern mitschneidet. Fazit: Total überflüssig.

Matthias Käther, kulturradio

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