Emmerich Kálmán: Ein Herbstmanöver; Montage: rbb
Bild: Oehms Classics

Operetten - Emmerich Kálmán: "Ein Herbstmanöver" | "Die Faschingsfee"

Bewertung:

Emmerich Kálmán gehört zu den bekanntesten Operettenkomponisten überhaupt, allerdings hat er seinen Ruf vor allem zwei Werken zu verdanken – der "Czárdásfürstin" und "Gräfin Mariza". Jetzt sind gleich zwei weniger bekannte Operetten auf den Markt gekommen: "Ein Herbstmanöver" und "Die Faschingsfee".

Zwei Werke, die man sich auch gut in einer CD-Editions-Box vorstellen könnte. Denn beide verbindet etwas – sowohl das "Herbstmanöver" als auch die "Faschingsfee" sind deutsche Fassungen früherer Operetten Kálmáns, die er zunächst für Budapest auf ungarische Texte geschrieben und später für Wien überarbeitet hat. Kurioserweise kommen aber beide Werke von verschiedenen Firmen.

Eine spannende Ausgrabung

Die Klassikszene ist immer für schräge Überraschungen gut. Wenn ich aufs Geratewohl ein Werk hätte nennen sollen, das mit 99-prozentiger Wahrscheinlichkeit wohl niemals wiederbelebt werden wird, hätte ich an erster Stelle Kálmáns Erstling "Ein Herbstmanöver" genannt. Tja, so kann man sich irren. Und ich habe mich gern akustisch berichtigen lassen.

Dem Stadttheater Gießen ist da eine spannende Ausgrabung gelungen, die von unseren Kollegen vom Bayrischen Rundfunk zu Recht mit einem Operetten-Preis bedacht wurde. Es geht hier – anders als der Titel suggeriert – eigentlich eher um Kriegsmüdigkeit als Kriegsbegeisterung, jenes Herbstmanöver verpasst nämlich der Held wegen dunkler Liebesverstrickungen.

Man spürt, dass Kálmán hier die tragischen Komponenten viel mehr interessieren als die komischen. Seine lustigen Couplets und Tanznummern wirken heute etwas steif und angestaubt, aber die großen schwerblütigen Lieder – die funktionieren immer noch erstaunlich gut.

Nobel und genießbar

Oehms liefert eine noble und wirklich genießbare Aufnahme, was man wahrlich nicht von vielen Kálmán-Alben der letzten Jahre sagen kann. Zu danken ist das sicherlich dem außerordentlich guten Dirigenten Michael Hofstetter, Freunden der Alten Musik sicher ein Begriff. Hofstetter ist ein Dirigent, der viele spannende Barockopern wiederbelebt hat, aber sich in Gießen nunmehr dem 19. und 20. Jahrhundert widmet.

Nach einer phänomenalen Aufführung von Verdis Erstling "Oberto" vor einigen Jahren (auch bei Oehms zu haben) nun also Kálmáns Erstling, wieder mit großem Ernst und großer Sorgfalt editiert und aufgeführt. Und nur so funktioniert's auch!

Hofstetter hat sich von Balázs Kovalik eine solide Neufassung erstellen lassen, die auch einige starke Seiten der ungarischen Originalfassung wieder integriert. Und er hat ein sehr verlässliches und idiomatisches Sängerensemble um sich geschart, dem man gerne zuhört.

Durchhalteschlager im Stil der "Czárdásfürstin"

Angesichts dieser gelungenen Novität schmerzt es mich zu sagen, dass mir die "Faschingsfee" von cpo noch besser gefallen hat. Es liegt wohl an der etwas reiferen, schmissigeren Musik – sie ist nicht nur besser als im "Herbstmanöver", sie ist sogar auf Augenhöhe der "Czárdásfürstin". Kálmán verwendete hier 90 Prozent der Musik seiner ungarischen Operette "Fräulein Susi" von 1915, die er übrigens auch für das Broadway-Musical "Miss Springtime" nutzte – er muss sie also sehr geschätzt haben.

Umgesetzt wurde die deutsche Fassung von 1918 (als Durchhalteschlager im ersten Weltkrieg) millieugerecht vom Münchner Gärtnerplatztheater, die Operette spielt nämlich in München. Und hier haben wir nicht nur gute, sondern sogar schillernde Solisten auf der Bühne, wie die charismatischen Camille Schnoor in der Titelpartie. Einziger Wermutstropfen: Manche Nummern sind schmerzlich gekürzt. Trotzdem – rundum ein Genuss, auch dank Michael Brandstätters schwungvoller musikalischer Leitung!

Ach ja – fast ist das schon eine Tautologie: cpos grandiose Booklet-Einführungstexte. Und doch immer wieder erwähnenswert. In diesem Fall schrieb Stefan Frey die vorzügliche Einleitung.

Matthias Käther, kulturradio

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