Ertönet, ihr Pfeifen!
Bild: st. Benno Verlag

Buch und CD - "Ertönet, ihr Pfeifen"

Bewertung:

Felix Friedrich ist seit gut 50 Jahren weltweit unterwegs. Auf seinen Konzertreisen hat der bekannte Organist Bemerkenswertes erlebt und Kurioses aus der Welt der Orgeln zusammengetragen. Ein Lese- und Hörvergnügen für Orgeliebhaber, Organisten und Kenner der Szene.

Felix Friedrich war einer der bekanntesten Organisten in der DDR und ist Organist an der Schlosskirche im Thüringen Altenburg. Dort steht eine der wertvollsten Barockorgeln Deutschlands, erbaut vom Silbermann-Zeitgenossen Tobias Heinrich Gottfried Trost. Und die hütet Felix Friedrich, darüber hinaus ist er seit gut fünfzig Jahren als reisender Organist weltweit unterwegs – und diese Reisetätigkeit spiegelt sich in Buch und beigefügter CD.

Das Buch ist eine Sammlung von Anekdoten, zu fast jeder findet sich auf der CD ein passendes Klangbeispiel der Orgel um die es geht. Sehr erfreulich: Es ist nicht, wie man befürchten könnte, ein leicht muffiger Altherrenhumor, der da rüberkommt, ganz im Gegenteil! Es ist ein jugendlich-spitzbübischer Humor, obwohl der Autor bereits 74 Jahre alt ist.

Herzerfrischend

Er beschreibt mit einer gesunden, herzerfrischend zu nennenden Naivität, was er erlebt hat - man gerät ständig ins Schmunzeln, erfährt aber nebenbei viel Interessantes über die Orgel, an der das Erlebnis passiert ist, z.B. im Dom von Graz. Die Orgel steht dort nicht auf der Empore, sondern im Raum. Und beim Einrichten wurde Felix Friedrich permanent von Touristen angesprochen. Er schreibt:

"Dabei war die Frage nach dem Erbauer der Orgel und der Anzahl der Pfeifen noch das geringste Übel. Denn das konnte ich mit einer kurzen und bündigen Antwort abtun. Aufwändiger zu beantworten waren dann fragen wie: Sie bewegen ja ihre Füße ganz schnell. Damit pumpen sie sicherlich die Luft in die Pfeifen".

 Oder: "Die Stücke die sie gerade spielen, klingen recht gewöhnungsbedürftig...könnten Sie uns vielleicht mal etwas Richtiges vorspielen? Vielleicht vom Nockalm Quintett oder von Udo Jürgens?"

Anekdotensammlung und Orgel-Kompendium

Amüsant war auch das, was Felix Friedrich in der Nikolaikirche in Leipzig 1989 erlebt hat. Es war eine Aufzeichnung für das DDR-Fernsehen, gemeinsam mit einem Trompeter des Leipziger Gewandhausorchesters. Allerdings sollte Friedrich da an der weltberühmten Gottfried-Silbermann-Orgel im Dom zu Freiberg in Sachsen spielen, aber die wurde gerade restauriert.

"Deshalb war man nun gezwungen, umzudisponieren, wollte sich aber von dieser geplanten Konzeption nicht verabschieden. Und wir mussten die Tonaufnahmen an der Leipziger Nikolai–Orgel einspielen. Tage später musizierten wir unsere Stücke nochmals, allerdings nach dem eigenen Playback an der stummen Dom-Orgel in Freiberg vor laufenden Kameras für die Bildproduktion. Beides wurde dann tatsächlich zusammengeschnitten und am ersten Weihnachtsfeiertag als 'Festliches Orgelkonzert an der Silbermann Orgel im Freiberger Dom' gesendet. Keiner hat diese Schummelei bemerkt, oder?"

Das Buch inklusive CD aus dem Leipziger St.-Benno-Verlag eignet sich auch gut als Geschenk, sowohl für Organisten und Kenner der Szene als auch für Orgelliebhaber. Es gelingt Felix Friedrich nämlich, auch ganz viele Informationen über die einzelnen Instrumente hineinzubringen. Im Grunde steckt in dieser Anekdotensammlung ein kleines Orgel-Kompendium, also dem Untertitel "Kurioses und Bemerkenswertes rund um die Orgel" wird der Autor voll gerecht.

Lese- und Hörvergnügen

Selbstverständlich hatte er auch in Berlin ein amüsantes Erlebnis, In der Lindenkirche in Wilmersdorf, in der ein großes und klangvolles Instrument von Meister Werner Bosch mit 89 Registern steht. Mit seiner Frau Irmtraut, einer hervorragenden Pianistin, hat Felix Friedrich Werke für Orgel und Klavier aufgenommen, 1989 beim damaligen Sender Freies Berlin. Das Problem dabei war, dass der Flügel im Kirchenschiff unten stand, am anderen Ende des Raumes.

"Lange Zeit", schreibt Felix Friedrich, "versuchten wir, uns mit dieser räumlich und akustisch schwierigen Situation zu arrangieren. Doch der Tonmeister gab sich mit unserem Spiel überhaupt nicht zufrieden. Erst nachdem ich Kopfhörer bekam, und den Flügel ganz direkt hören konnte, gelang uns das perfekte Zusammenspiel. Allerdings mit dem Preis, dass ich den Klang der Bosch-Orgel, also mein eigenes Spiel, nur noch sehr indirekt und aus der Ferne wahrnahm. Aber entscheidend war ja das sehr gute Gesamtergebnis. Und darauf kommt es ja letztlich an."

Diese Buch-CD-Kombination ist in jedem Fall ein lesens- und hörenswertes Gesamtergebnis!

Claus Fischer, kulturradio

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