Gaetano Donizetti: L'ange de Nisida
Bild: Opera Rara

Oper - Gaetano Donizetti: L'ange de Nisida

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Gaetano Donizetti gehört zu den produktivsten Opernkomponisten des 19. Jahrhunderts – über 70 Opern hat er hinterlassen. Letztes Jahr fand in London am Royal Opera House eine Uraufführung statt – L'ange de Nisida, eine bisher nie aufgeführte Oper. Jetzt ist der Mitschnitt bei Opera rara auf CD erschienen.

Donizettis wohl wirklich allerletzte Premiere! Und wir reden nicht um irgendeine verschollene Jugendoper oder ein Nebenwerk, sondern um ein wiedergefundenes Hauptwerk für Paris. Nämlich die Urfassung der Favorite. Eine Oper, die er, wie wir jetzt wissen, gleich zweimal komponiert hat.

Das Pariser Theater, das die Erstfassung bestellt hatte, ging pleite. Lange glaubte man, dass Donizetti damit nicht besonders weit mit der Komposition gekommen war. Eine Forschergruppe hat aber vor 10 Jahren entdeckt, dass er 97 Prozent des Werk fertiggestellt hatte, lediglich einige Takte Rezitativ und das Vorspiel fehlten. Das Werk wurde in mühevoller Kleinarbeit von britischen Musikwissenschaftlern und Studenten rekonstruiert, denn die Noten waren über die ganze Welt verstreut.

Der Plot der beiden Fassungen ist zwar extrem ähnlich, er spielt aber jeweils in ganz andern Welten. Junger Mann verliebt sich in die Favoritin, sprich die Geliebte des Königs, weiß aber nichts davon und dreht dann ziemlich durch, als es mitkriegt. Im Groben verläuft die Handlung identisch. Nur hat Donizetti das Ganze später vom Neapel des 15. Jahrhunderts ins Kastilien des 14. verlegt. Wahrscheinlich deshalb, weil nicht der Eindruck entstehen sollte, dass Donizetti das alte Projekt für den neuen Auftraggeber, die Grand Opera, noch mal neu aufwärmte.

An jetzt gibt’s zwei Fassungen eines Klassikers

L'ange und Favorite sind vielleicht vergleichbar mit der Erst- und Zweitfassung von Verdis Simone Boccanegra. Das thematische Material stimmt in beiden Fällen zwar zu 75 Prozent überein, dennoch wurde im Detail jeder einzelne Takt geändert, Melodien neu rhythmisiert, ganze Sequenzen verschoben oder neuen Situationen zugeordnet und einige zentrale Nummern wurden später neu komponiert (wie etwa die berühmte Tenorarie im letzten Akt). Das größte Problem für Donizetti war, dass er in die Erstfassung eine komische Figur eingewoben hatte, die man in der bierernsten Grand Opera nicht gebrauchen konnte; die mußte er wieder herausoperieren, was ein ziemlich frustrierender Job gewesen sein dürfte, denn dieser intrigante Don Gaspar mischt überall mit. Amüsant, dass er dann später wiederum Teile dieser Rolle für seinen Don Pasquale verwendet hat.

Schwungvolle Umsetzung mit schwächelndem Liebespaar

Der Komponist Martin Fitzpatrick hat für die hier in Covent Garden mitgeschnittene konzertante Premiere die wenigen fehlenden Rezitative und Instrumentierungen vervollständigt und genial rekonstruiert und der beste britische Donizetti-Dirigent, Sir Mark Elder, dirigierte die Vorstellungen. Chor und Orchester des Covent-Garden-Opernhauses waren in bester Verfassung, vor allem spürt man die Begeisterung aller Beteiligten an diesem Fund. Das Bewußtsein, bei dieser nun wirklich allerletzten Donizetti-Premiere der Musikgeschichte dabeizusein, schwang da mit. Die dunklen Stimmen waren alle eine Wucht, vor allem König Fernand alias Vito Priante ragte heraus mit seinem beweglichen Bariton und Laurent Naouri zeigte überragendes Können als Bass-Buffo in der allgegenwärtigen Partie des Don Gaspar.

Doch eigentlich steht und fällt ja jede Belcanto-Oper ja mit dem Liebespaar, das hier deutlich gegen die dunkle Herrenriege abfiel. Joyce El-Khoury singt für mich viel zu grell, ausgewaschen und unflexibel als Silvia, und der Tenor David Junghoon Kim macht seine Sache nicht schlecht, er erreicht mühelos die Spitzentöne, hat eine gute Diktion, wirkt aber als Charakterdarsteller etwas stumpf und singt mir dann doch das Quentchen zu viel vom Blatt und nicht aus dem Bauch heraus, um diese tragische Rolle des Leone ganz überzeugend auszufüllen. Hier hätte es - bei dieser Glanzpartie - doch einen Florez oder Spyres gebraucht.

Matthias Käther, rbbKultur

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