Ludwig van Beethoven - Missa Solemnis op. 123
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Alte Musik - Ludwig van Beethoven - Missa Solemnis op. 123

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Das Beethoven-Jahr 2020 zeichnet sich allmählich am Horizont ab, die ersten Neuerscheinungen auf dem CD-Markt weisen in diese Richtung. Bemerkenswert ist die Neueinspielung von Beethovens "Missa Solemnis" mit Solisten, dem Stuttgarter Kammerchor und dem Orchester Hofkapelle Stuttgart unter Leitung von Frieder Bernius. Wer bislang Berührungsängste mit diesem Werk hatte, dem sei diese Aufnahme wirklich empfohlen, meint Kritiker Claus Fischer.

Es soll Musikexperten geben, die die "Missa Solemnis" nicht für das allerbeste Werk von Beethoven halten. Hier sei aber auf den Meister verwiesen! Beethoven hat nämlich in einem Brief betont, dass er diese Messe als sein "wichtigstes Werk" ansieht. Und das war für Frieder Bernius der Anlass, sich intensiv damit zu beschäftigen. Er, der mit seinem Stuttgarter Kammerchor wirklich Maßstäbe gesetzt hat in der Chorszene, ist ja vor zwei Jahren siebzig geworden und es soll ja vorkommen, dass einen Künstler ab einem gewissen Alter schwierige Aufgaben besonders reizen. Bernius hat in den letzten Jahren auch mit spannenden Einspielungen aus der Zeit um Beethoven herum Aufsehen erregt, u.a. mit Mozarts c-Moll-Messe und dem Cherubini-Requiem – beste Voraussetzungen also für Beethovens sakrales "Opus Magnum". Schon am Beginn, im ersten Kyrie, das ja ganz deutlich Bezug nimmt auf Mozarts Zauberflöte, hört man, wie wohltuend anders als viele seiner Kollegen Frieder Bernius an die Sache rangeht.

Gesunder Ausgleich

Das Wesentliche ist, dass er das Werk als ein einheitliches Gefüge begreift, in dem alles mit allem in Beziehung steht. Er ist auf einen gesunden Ausgleich bedacht. Es gibt kein übersteigertes Pathos, wie man das häufig bei anderen Dirigenten hört, es gibt auch erstaunlicherweise keine Sängerinnen und Sänger, von denen man den Eindruck hat, dass sie sich gegenseitig niederbrüllen. Und es gibt berückend schöne Passagen im piano und pianissimo, wo man plötzlich staunt, dass die in diesem Werk überhaupt vorkommen!

Frieder Bernius folgt dem rhetorischen Fluss der Messe unter bestimmten Leitfragen. Wo sind Kontraste innerhalb der Musik? Wo ändert sich die Stimmung abrupt? Was will Beethoven damit ausdrücken? Da schaut natürlich immer der Vordenker Nikolaus Harnoncourt um die Ecke, Stichwort "Musik als Klangrede". Und Bernius kommt zu dem, wie ich finde sinnvollen Schluss, dass die Kontraste für Beethoven Mittel sind, um der Botschaft, also dem Text gerecht zu werden.

Empfehlenswert

Das klingt banal, man sollte tatsächlich denken, dass das für einen Dirigenten selbstverständlich ist zu wissen. Aber bei Beethoven ist anscheinend leider immer die Verführung da, Klangmalerei zu treiben, also die pathetischen Stellen zu farbig zu machen. Das wird aber dann häufig eben laut und grell, bzw. schrill. Und dann fallen die zarten, intimen, ja sphärischen Passagen ab, bzw. werden nicht so wahrgenommen, wie sie wahrgenommen werden sollten. Gegen solche Überzeichnungen, die vom gesungenen Text wegführen, geht Bernius mit seinem Konzept einer "ausgeglichenen Interpretation". Dazu gehören natürlich auch die vier Gesangssolisten. Bernius hat, das hört man deutlich, nicht nur mit dem großen Chor und dem Orchester, sondern auch mit ihnen intensiv gearbeitet, sie aufeinander eingeschwungen im Timbre. Und das ist meines Erachtens ein weiterer wichtiger Punkt, der diese Aufnahme so besonders und absolut empfehlenswert macht, auch und gerade für Menschen mit "Berührungsängsten" vor dem Werk.

Claus Fischer, rbbKultur

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