Cover: Jacques Offenbach - The Operas & Operettas Collection
Bild: Warner

30 CD Box - Jaques Offenbach: "The Operas & Operettas Collection"

Bewertung:

Über 100 Bühnenwerke hat Offenbach geschrieben, zu hören sind hier 12 in Gesamtaufnahme und eine im Querschnitt. Das ist quantitativ nicht viel, aber qualitativ kriegt man hier eine Menge geboten, denn die Warner verwaltet das Archiv der französischen und deutschen EMI, die es ja nicht mehr gibt, und grade die EMI hat im 20. Jahrhundert auf beiden Seiten der Grenze legendäre Offenbach-Einspielungen produziert, und die sind fast alle in dieser Box.

Interessante Unterschiede

Manches scheint doppelt vorzuliegen. Es finden sich von "Hoffmanns Erzählungen", "Pariser Leben", der "Schönen Helena" und "Orpheus in der Unterwelt" jeweils eine deutsche und eine französische Aufnahme.  

Doch das heißt nicht, dass man hier nur unterschiedliche Sprachen und verschiedene Sänger hört, denn Offenbach hat für die deutschen Fassungen oft eigenhändig Veränderungen vorgenommen, die sich in den französischen nicht finden. Und auch sonst handelt es sich glücklicherweise meist um verschiedene Versionen.

Die deutsche Aufnahme von "Orpheus in der Unterwelt" unter Willy Mattes fußt auf der Erstfassung, die französische unter Michele Plasson auf der viel längeren Zweitfassung mit fast doppelt so viel Musik.

Auch in der "Schönen Helena" gibt’s interessante Unterschiede, Anneliese Rothenberger zum Beispiel singt eine große Arie, die sich in der französischen Fassung mit Jessye Norman nicht findet, kann sie auch nicht, denn Offenbach hat sie eigens für die Wiener Helena, Marie Geistinger, nachkomponiert.

Legendäre Aufnahmen

Versammelt sind hier nicht nur gute, sondern im Wesentlichen sogar legendäre Aufnahmen. Jeder Operettenfan hat wahrscheinlich wenigstens eine davon irgendwo zu Hause auf Platte oder CD im Schrank. Manchmal sind sie so legendär, dass man sich bei neuem Hören als Kritiker doch bemühen muß, durch diese Patina des Ruhms hindurchzustoßen - und dann ist längst nicht alles Gold, was glänzt.

Die deutsche "Schöne Helena" von 1979 mit Rothenberger, Gedda und Faßbaender ist sicher nicht in jedem Detail perfekt, die Rothenberger muss hier schon sehr kämpfen bei Geistingers extra hohen Noten, und auch Gedda tritt grade von der goldenen in die silberne Ära seiner Karriere über.

Die große Regine Crespin als Metella in "Pariser Leben" konnte ich schon bei der ersten Begegnung nicht leiden, daran hat sich auch nach 30 Jahren nichts geändert. Sie ist viel zu mütterlich. "Wenn die Nacht beginnt, beginnt hier das Leben" klingt von ihr nicht gerade kurtisanenhaft, eher wie der Klagegesang einer genervten Concierge über zu laute Mieter.

Aber insgesamt ist die Spiellaune und die Lust am Spiel in den alten Aufnahmen so groß, dass man sie sich gerne anhört, auch die französischen Fassungen sind unter der Leitung von Michel Plasson und John Eliot Gardiner inzwischen schon Klassiker.

Vielleicht ist manches ein bißchen zu opernhaft und überbesetzt geraten, wie die pompöse französische "Schöne Helena" mit Jessye Norman und John Aler, aber besser zu viel als zu wenig.

Highlights und Raritäten im optischen Retro-Kurs

 Außerdem wurden auch eine Handvoll Ein-und Zweiakter beigelegt, und das ist toll, denn die kleinen Kurz-Operetten sind das eigentliche Rückrat von Offenbachs Schaffen, sie machen zwei Drittel seines Gesamtwerks aus, und hier stecken viele seiner allerbesten Einfälle. "Mesdames de la Halle" und "Les Bavards" sind echte Highlights der Box, ausgeführt vom ewiggleichen und ewig grandiosen französischen Urgestein der Offenbach-Tradition: Lina Dachary, Huguette Boulangeot, Aimé Doinat & co.

Abgerundet wird das Ganze durch eine Prise Raritäten, wie einen kostbaren LP-Querschnitt durch Offenbachs Spätwerk "Die Tochter des Tambour-Majors".

Die Warner setzt gnadenlos ihren optischen Retro-Kurs bei den Boxen fort, also kein trister Einheitsbrei bei den Papphüllen, sondern wirklich die Originalcover der Erstausgaben. Hat was.

Alte Booklets aufheben

Also alles schön? Fast. Dem Hörer muss immer bewusst sein: Wenn er für wenig Geld solche Sammelprodukte kauft, bekommt er auch weniger Informationen.

Das Booklet ist wirklich ein Witz – die Hälfte davon sind die Besetzungslisten, die sowieso auf den CD-Hüllen stehen. Der Artikel geht mit keinem Wort auf die Geschichte der Aufnahmen selber ein. Wirklich schade, dass man nicht wenigstens per PDF auf einer Extra-CD die alten Booklet-Texte beifügt.

Wer also die Box kauft, um Platz im Regal zu sparen, sollte auf jeden Fall die alten Booklets aufheben.

Matthias Käther, rbbKultur

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