Weinberg Sinfonien Nr. 2 und 21 © Deutsche Grammophon
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Orchester - Weinberg Sinfonien Nr. 2 und 21 "Kaddish"

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Mit 29 Jahren wurde Mirga Gražinytė-Tyla Chefdirigentin des Birmingham Symphony Orchestra, sie die erste Dirigentin, die einen Exklusivvertrag bei der Deutschen Grammophon bekommen hat. Auf ihrer Debüt-CD hat sie nun Werke von Mieczysław Weinberg eingespielt.

Der 1919 in Warschau geborenen Komponisten Mieczysław Weinberg ist hierzulande erst 2010, nach der posthumen Uraufführung seiner Oper "Die Passagierin", ein wenig bekannt geworden. Die Oper ist nach einer autobiographischen Novelle der Auschwitz-Überlebenden Zofia Posmysz geschrieben. Sie erzählt, wie eine ehemalige KZ-Insassin auf einem Luxusdampfer einer früheren Aufseherin des Lagers wiederbegegnet.

Weinberg hatte die Schrecken der NS-Zeit am eigenen Leib erlebt und empfand es als seine moralische Pflicht, davon auch in seiner Musik zu erzählen. Als er 1946 die auf dieser CD eingespielte 2. Sinfonie für Streichorchester schrieb, war er schon zweimal vor den nationalsozialistischen Truppen geflohen. Das erste Mal 1939 aus seiner Geburtsstadt Warschau nach Minsk, wo er ein Kompositionsstudium bei Wassilij Solotarjow, einem Schüler von Rimskij-Korsakow, aufnahm. Seine Familie blieb in Warschau zurück, wurde deportiert und ermordet. 1941 rettete sich Weinberg dann von dort aus ins usbekische Taschkent, schließlich holte ihn Dmitri Schostakowitsch zu sich nach Moskau. Das Erstaunliche an Weinberg Musik ist, dass seine Musik oft so vielgestaltig klingt, als wolle sie mit ihrem Erfindungsreichtum den in der Biographie allgegenwärtigen Tod besiegen. Das hört man auch im Kopfsatz dieser 2. Sinfonie.

Mirga Grazynite-Tyla

Für Mirga Grazynite-Tyla zählt Weinberg schon lange zu den bedeutendsten Komponisten des vergangenen Jahrhunderts und ihre Liebe zu dieser Musik ist in jedem Takt spürbar. Das hat alles einen großen Atem, einen natürlichen Fluss. Jede Phrase wird sprechend ausgestaltet. Diese junge Dirigentin macht gerade nicht zu Unrecht eine steile Karriere. Beide Eltern sind Musiker, sie studierte erst Chordirigieren und dann Orchester-Dirigieren, war Absolventin des Dirigentenforums des Deutschen Musikrats und hat Meisterkurse unter anderem bei David Zinman und bei Herbert Blomstedt absolviert. Von Blomstedt hat sie sich die ungemein feine, beredte Phrasierung abgeguckt, mit der sie die Instrumentallinien förmlich aussingen lässt.

Sinfonie Nr. 21

Die Sinfonie Nr. 21 aus dem Jahr 1991, ist die letzte Sinfonie, die Weinberg vollendete, bevor er 1996 in Moskau starb. Sie ist ein niederschmetterndes Vermächtnis, das Weinberg den Opfern des Warschauer Ghettos widmete. "Kaddish" hat er sie genannt. Das aramäische "Kaddish" ist eines der am häufigsten gesprochenen Gebete des jüdischen Gottesdienstes. Man betrauert mit ihm auch die Toten. Aber sein Text spricht gar nicht vom Tod, sondern ausnahmslos von der Verherrlichung Gottes. Ähnlich trauert Weinberg mit seiner Kaddish-Sinfonie zwar um die unzähligen Opfer, aber er versucht nicht, ein Grauen abzubilden, dessen namenloser Schrecken sich der Darstellung entziehen muss.

Stattdessen gestaltet er einen unendlich einsamen inneren Monolog. In dessen Strom tauchen unterschiedlichste Erinnerungen auf: ein Chopin-Zitat zum Beispiel oder eine Klezmer-Melodie. Die Musik erinnert streckenweise an Mahler, an Schostakowitsch, an Prokofjew – aber sie hat immer ihren ganz eigenen Ton. Der Kopfsatz wird von einem choralartigen Thema eröffnet, das aber harmonisch lange keinen Halt findet und keinen Trost spenden kann. Die zarte Violinenmelodie, die dann folgt – hier wunderbar zerbrechlich gespielt von Gidon Kremer – ist eine Erinnerung an Weinbergs Vater, der als Violinvirtuose am Jiddischen Theater im moldawischen Kischinau gearbeitet hatte. Sie spielt zugleich auf Gustav Mahlers Wunderhorn-Lied vom "irdischen Leben" an, konkret auf die Zeile "Mutter, ach Mutter, es hungert mich".

Komponiert ist diese große, 50-minütige Trauermusik, in sechs nahtlos ineinander übergehenden Sätzen, die einen Prozess der zunehmenden Auflösung beschreiben. Der Orchestersatz ist meistens kammermusikalisch aufgesplittert und wird immer wieder durchbrochen von solistischen Passagen.

Ein Debüt, das es in sich hat!

Mirga Gražinytė-Tyla gelingt hier ein wahres Kunststück: Sie zeichnet diesen Prozess einer zunehmenden Vereinzelung hoch sensibel nach, ohne dadurch doch den übergreifenden musikalischen Zusammenhang preiszugeben. Alle sechs Sätze sind zugleich durch motivische Bezüge mit einander verbunden. Nach einem agonalen Presto in der Mitte der Sinfonie öffnen sich im letzten Satz die Klangpforten zu einer apokalyptischen Szenerie. Der martialische Klang der von Röhrenglocken und Posaunen dominierten Tutti-Schläge hat jedoch nicht das letzte Wort. Als würde seine Musik hinter den Tod blicken wollen, lässt Weinberg vielmehr aus der Ferne eine Sopran-Vokalise auftauchen.

In dieser Aufnahme ist es Mirga Gražinytė-Tyla selber, die den vokalen Part übernimmt. Ihr feiner, vibratoloser, fast instrumental klingender Sopran trifft den Charakter dieses jenseitigen Seelenlauts besser, als es eine ausgebildete Opernstimme könnte. Das ist wirklich mal ein Debüt-Album, das es in sich hat!

Julia Spinola, rbbKultur

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