Cover: Antonio Salieri: "Tarare"
Bild: aparte

Oper - Antonio Salieri: "Tarare"

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Mit Antonio Salieri verbinden wir heute vor allem die Konkurrenz zu Mozart – eine recht verzerrte Wahrnehmung, denn in Paris hatte Salieri uneingeschränkten Erfolg. Seine dritte und letzte Paris-Oper, "Tarare", ist jetzt bei aparte unter der Leitung von Christophe Rousset erschienen. 

Salieris letzte Oper für Paris ist etwas ganz Besonders. Nicht nur ist sie eine wehmütige Ahnung auf das, was noch hätte alles entstehen können, wäre Salieri nicht der Weg zur experimentierfreudigen französischen Bühne durch die Revolution versperrt gewesen – "Tarare" erschien kurz vor Toresschluß 1787.

Außerdem entstand das Werk kurz nach Mozarts Oper "Figaros Hochzeit", und in einer Beziehung gelang es Salieri, Mozart zu übertrumpfen. Mozart hatte ein Stück vom Star-Dramatiker Beaumachais bearbeiten lassen, Salieri konnte Beaumarchiase selbst für das Libretto des Tarare gewinnen! Das war natürlich eine Sensation.

Ein nahezu trockenenes Werk

Doch mit Stardramatikern ist für gewöhnlich nicht gut Kirschenessen. Salieri hatte Pech – der Schriftsteller spielte sich in den Vordergrund redete ihm in alles herein und stopfte sein Werk so mit weitschweifigen Rezitativen voll, dass Salieri nur selten die Gelegenheit hatte, sein Talent zu entfalten.

Sobald eine Arie mit göttlicher Melodie anhebt, kann man darauf wetten, dass sie Augenblicke später wieder im Rezitativ absäuft. Nun sind französische Arien des 18. Jahrhunderts generell viel kürzer als die italienischen Da-Dapo-Monster, doch hier werden die fast epigrammatischen Solostücke von den episch breiten Orchester-Rezitativen schier erdrückt.

Gäbe es da nicht ein herrliches Divertissement im dritten Akt und einen hochoriginellen Prolog, könnte man von einem recht trockenen Werk sprechen.

Man braucht Geduld

Beaumarchais hat eine sehr verwickelte Geschichte im Ambiente von "Tausendundeiner Nacht" auf die Bühne gebracht. Es geht um einen einfachen Soldaten, der zum König aufsteigt und dabei tausenderlei Abenteuer bestehen muss. Man kann sich das etwa vorstellen wie eine bizarre Kreuzung aus Fatinitza und Oberon.

Schwer durchzusteigen, und wenn ich ehrlich bin, ich halte das Libretto für das schwächste der drei Salieri-Opern, Meilen entfernt vom spannenden Griechen-Thriller „Die Danaiden“ und Lichtjahre entfernt von der knackigen Kurzoper "Die Horatier", muss man sich dann doch mitunter mit viel Geduld wappnen, um die knappen drei Stunden durchzustehen.

Bei aller Geschwätzigkeit doch immer wieder genial

Doch ich rechne es dem Dirigenten Christophe Rousset hoch an, dass er sich so intensiv dafür eingesetzt hat, alle drei Pariser-Salieri Opern als monumentales Operndokument in mustergültiger Fassung auf CD zu hinterlassen.

Dies grandiose Projekt wäre ein Torso geblieben ohne diesen problematischen, aber bei aller Geschwätzigkeit doch immer wieder genialen "Tarare", und ich bin überzeugt, dass man diese Leistung auch noch in Jahrzehnten zu würdigen weiß. Vielleicht sogar dann erst richtig.

Delikat und dreidimensional

Denn wie sorgfältig und liebevoll ist das wieder gemacht! Welchem Dirigenten (außer vielleicht noch Currentzis) gelingt es schon, dass man bei einer im Grunde langweiligen Oper ins Schwärmen gerät? Hier ist aus dem im Grunde recht wässrigen Beaumachaise-Spektakel ein exqisiter Likör destilliert worden. Erstaunlich, welche fast weberschen Farben Rousset herausholt aus der Instrumentation, wie delikat und dreidimensional er Holzbläser gegen Streicher absetzt, wie er immer das richtige Tempo findet!

Auch die Sängerriege ist exzellent, große junge Stars sind hier zu hören wie der aufstrebende Tenor Cyrille Dubois und die Sopranistin Karine Deshayes. Grandios auch die sonoren dunklen Stimmen von Tassis Christoyannis und Jean-Sebastien Bou – allerdings können sie ihr cantables Können wenig in großen Nummern entfalten.

Wie bemerkte ein zeitgenössischer Kritiker ganz richtig: "Mehrere wunderschöne Arien und Chöre ließen einen bedauern, dass es nicht mehr von ihnen gab".

Design und Booklet ist wie so oft bei aparte wieder edel und formschön umgesetzt. Verständliche Texte (auch auf deutsch), tolle Fotos. Das hat man heute selten genug, deshalb ist es unbedingt erwähnenswert.

Matthias Käther, rbbKultur

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