Chen Xue-Hong: Chopin; Montage: rbbKultur
Bild: Accentus

Klavier - Chen Xue-Hong: Chopin

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Kaum ein anderes Land hat in den letzten zehn, fünfzehn Jahren musikalisch eine solche Entwicklung durchlaufen, wie China. Eines der jungen Nachwuchstalente ist der noch nicht 20-jährige Pianist Chen Xue-Hong.

Chen Xue-Hong wurde früh in ein Ausbildungsprogramm für hochtalentierte Instrumentalisten am Beijing Central Conservatory of Music aufgenommen. Er bringt einige Tugenden mit: ein sehr kultiviertes Spiel, in dem jede Nuance gestaltet ist, einen  perlenden, kristallinen Anschlag für ein gelungenes Jeu Perlé, wie man es für Chopin braucht. In den akkordischen Passagen kann er auch ein kräftiges, sattes Forte in den Raum stellen. Das alles lässt er auf dieser CD seinem erklärten Lieblingskomponisten angedeihen.

Erschütternde Harmlosigkeit

Dennoch fehlt Entscheidendes: Temperament und Leidenschaft vor allem. Vieles klingt arg blutleer. Vor allem aber verdammt seine Art des glatten, "klavierstundenschön" ausgeformten Spiels Chopin in die Sphäre des gehobenen Salons – wo er absolut nicht hingehört. Xue-Hong spielt einen Chopin ohne Abgrund, ohne Todesahnung, ohne Verzweiflung – selbst noch in der rabenschwarzen, todessüchtigen Klaviersonate Nr. 2, deren fein dosierte Morbidität hier niemanden angreift.

Ein Vergleich mit Emil Gilels

Erschütternd harmlos klingt dieser Chopin im Vergleich zum großen Emil Gilels, dessen interpretatorischer Furor schier atemberaubend ist. So nähert sich Xue-Hongs Chopinspiel einer musikalischen Salonmalerei an. Mit der wilden Romantik eines Théodore Géricault oder Eugène Délacroix, den ästhetischen Geistesverwandten Chopins in der bildenden Kunst, hat es rein gar nichts zu tun.

Darf man diesem begabten jungen Musiker vorwerfen, dass er vielleicht vom Schrecken des Todes noch keine rechte Ahnung hat? Ein Vergleich mit seiner Interpretation der 1. Ballade von Chopin mit einer frühen Aufnahme des jungen Gilels zeigt, dass der rückhaltlose Ausdruckswille, die vollständig uneitle, ungeschönte Hingabe an ein Werk, keine Frage des Alters ist, sondern eine der ästhetischen Grundeinstellung.

Zwang zum Perfektionismus

Der Vergleich zeigt aber auch, was der Musikbetrieb zu Gilels Zeiten (Dreißiger- bis Sechzigerjahre) ermöglicht hat, bzw. zu was für einem Spiel er die Musiker ermutigt hat. Gilels geht nicht auf Nummer Sicher, wie Xue-Hong, sondern riskiert sogar einige falsche Töne, um nichts von der Intensität seines Ausdrucks einzubüßen. Das freilich kann sich heute niemand mehr erlauben – schon gar kein Nachwuchskünstler.

Der herrschende Zwang zum technischen Perfektionismus treibt den Musikern ein gewisses Maß an Ausdruck auch regelrecht aus, um ihre Interpretationen zum makellosen Wohnzimmersound hin zu glätten – eine fatale Entwicklung. Zum Glück gibt es immer wieder Künstler, die sich gegen diese Domestizierung ihrer Kunst auflehnen. Xue-Hong freilich zählt nicht dazu.

Julia Spinola, rbbKultur

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