Marie Luise Werneburg: Diaphenia; Montage: rbbKultur
Bild: querstand

Englische Liebeslieder aus drei Jahrhunderten - Marie Luise Werneburg: "Diaphenia"

Bewertung:

Ein spannendes und hörenswertes Debüt! Diese Aufnahme steht für eine schöne Entwicklung auf dem CD-Markt: Sängerinnen und Sänger bieten ein Programm dar, das sie selbst erarbeitet haben – und nicht ein Dramaturg der Plattenfirma.

Hirtenspiele waren um 1600 in England sehr beliebt. "Diaphenia" ist ein Gedicht von Henry Constable, einem Zeitgenossen Shakespeares. Der Anfang lautet in deutscher Übersetzung:

"Diaphenia liebt die gelbe Narzisse ('daffadowndilly'), so hell wie die Sonne, so klar wie die Lilie, ich liebe sie, heigh-ho!"

Marie Luise Werneburg hatte die älteste Vertonung dieses Gedichts vom Komponisten Francis Pilkington schon länger im Repertoire. Und dann hat sie herausgefunden, dass dieses Gedicht in England noch wesentlich häufiger vertont worden ist, auch im 18., 19. und 20. Jahrhundert. So entstand die Idee für diese CD.

Fundgrube eindrücklicher Miniaturen

Neben vier "Diaphenia"-Vertonungen gibt es weitere alte englische Lieder der Shakespeare-Zeit. Auch deren Texte sind später nochmals vertont worden, vor allem in der Romantik, also im 19. Jahrhundert, während der großen Shakespeare-Renaissance, und im 20. Jahrhundert. Da greift eins ins andere und wird beim Hören nie langweilig. Marie Luise Werneburg hat wahrscheinlich Wochen in Archiven zugebracht, um die Noten dieser manchmal nur anderthalb Minuten langen Lieder zu finden.

Klare, weiche und lyrische Sopranstimme

Marie Luise Werneburg wurde in Dresden geboren und stammt aus einer evangelischen  Pfarrerfamilie. Gesang studiert hat sie u.a. in Bremen, einem Zentrum der Alten Musik in Deutschland. Ihre Sopranstimme ist klar und klangrein und fesselt beim Zuhören schnell. Man fühlt sich ein wenig an die Engländerin Emma Kirkby oder die Deutsche Dorothee Mields erinnert. Solche Vergleiche sind zwar problematisch, aber es steht zu vermuten, dass beide Kolleginnen für Marie Luise Werneburg Vorbilder sind

Marie Luise Werneburg; Promo/marieluisewerneburg.de
Bild: Promo/marieluisewerneburg.de

Zwei Auftragswerke von Joby Talbot

Neben zahlreichen Entdeckungen aus dem Fundus des englischen Liedrepertoires enthält die CD auch zwei neue Kompositionen von Joby Talbot, einem renommierten englischen Komponisten der Gegenwart, der sehr großen Erfolg hatte mit der Musik zum Film "Per Anhalter durch die Galaxis". Marie Luise Werneburg hat bei ihm zwei Lieder in Auftrag gegeben, es sind also zwei "Uraufführungen", die dieses Debüt noch interessanter machen.

Claus Fischer, rbbKultur

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