Frédéric Chopin: 4 Balladen, Nocturnes, Walzer und Polonaisen © Evidence Classics
Bild: Evidence Classics

Klavier - Frédéric Chopin: "4 Balladen, Nocturnes, Walzer und Polonaisen"

Bewertung:

Wer seine Debüt-CD mit Etüden von Rachmaninow bestreitet, hat ersichtlich keine pianistische Höhenangst. Auch mit seiner Chopin-CD beweist der gerade mal 24 Jahre alte Jean-Paul Gasparian, dass er sich gerne mit den Größten misst.
 

Erst im vergangenen Jahr hat Jean-Paul Gasparian sein Solistendiplom am Londoner Royal College of Music abgelegt. Aber der 1995 in Paris geborene Pianist gilt schon jetzt als eines der interessantesten französischen Klaviertalente. Wettbewerbssiege und Konzertauftritte gehören genauso zu seiner Laufbahn wie die Gründung eines Klaviertrios und der erste Preis in Philosophie beim französischen Nationalwettbewerb. Seine erste CD mit den Etudes Tableaux von Rachmaninow hat viel Kritikerlob erfahren. Mit ihr stellte er klar, dass Virtuosität ganz selbstverständlich zu seinem Handwerkszeug gehört.
 

Ungeahnte Gegenwärtigkeit

Zunächst erscheint die Zusammenstellung der Stücke auf dem Chopin-Album wie ein Sammelsurium, sie erweist sich jedoch als wohldurchdacht. Anfang und Ende werden mit der g-Moll-Ballade und der Polonaise-Fantasie As-Dur bedeutungsvoll und wuchtig markiert, dazwischen finden sich in kleinen Portionen alle Chopin-typischen Ausdrucksweisen von düsterer Sehnsucht bis schillernder Klavierzauberei. Jean-Paul Gasparian profiliert sich als vielseitiger Virtuose mit Gestaltungswillen. Das Chopin eigene Pathos nimmt er selbst in die Hand und spitzt es dramaturgisch zu. So inszeniert er die g-Moll-Ballade als ein einziges großes Crescendo mit einer wirbelnden Verdichtung am Ende. Damit setzt er auch in Bezug auf die großen Chopin-Pianisten der Vergangenheit einen eigenen Akzent. Gasparians Chopin hat eine große Bandbreite, er verbindet Ravels Feinsinnigkeit mit Prokofjews Brutalität und gewinnt so eine ungeahnte Gegenwärtigkeit.

Dirk Hühner, rbbKultur

Weitere Rezensionen

Serge Taneyev: Sämtliche Kammermusik © Northern Flowers
© Northern Flowers

CD-Kritik - Serge Taneyev: "Sämtliche Kammermusik"

Serge Taneyev (1856-1916) ist lange schon eine Art 'offizieller Geheimtipp' der russischen Romantik – mit der Pointe, dass Taneyev erst geboren wurde, als Schumann schon einige Monate tot war. Ein Nachzügler und Epochenverschlepper also. Allerdings haben sich immer wieder große Musiker wie Vadim Repin, Mikhial Pletnew und Evgeny Swetlanow für ihn eingesetzt. Die Gesamtaufnahme seiner Kammermusik mit dem Taneyev Quartet ist ein Katalogklassiker aus den späten 70er Jahren, der hier erstmals vollständig bewundert werden kann.

Bewertung:
Robert Schumann: Myrthen © Sony Classical
Sony Classical

CD-Kritik - Robert Schumann: "Myrthen"

Ein umfangreiches CD-Projekt mit sämtlichen Liedern von Robert Schumann hat Christian Gerhaher gestartet. Schumann ist einer seiner absoluten Hausgötter. Entsprechend wurde die erste Lieferung gefeiert. Jetzt ist das zweite Volume erschienen. Ist die Begeisterung wieder groß?

Bewertung:
The French Romantic Experience
© Bru Zane

Französische Romanik auf 10 CDs - The French Romantic Experience. Bru Zane discoveries in 19th-century music

In den zehn Jahren seines Bestehens ist über den Palazzetto Bru Zane, der hier eine Quersumme seiner Wiederentdeckungen auf 10 CDs versammelt hat, sehr viel geschrieben worden. Vielleicht zu viel. Immerhin gelang es der Erbin eines französischen Pharmakonzerns, Nicole Bru, eine ganze Epoche wieder ins Spiel zu bringen, die auch in Frankreich gründlich vergessen war: die französische Romantik. Man mag dabei an Madame de Staël und Victor Hugo, in der Malerei an Delacroix denken. Aber in der Musik? Dort stellte die französische Romantik bislang keine prominente Epoche dar – wenn man sie überhaupt als solche gelten lassen will.

Bewertung: