Beethoven Complete Piano Concertos © Deutsche Grammophon
Bild: Deutsche Grammophon

Klavier - Beethoven Complete Piano Concertos

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Der Pianist Jan Lisiecki, Sohn polnischer Eltern, die nach Kanada emigrierten, ist erst 24 Jahre alt und hat doch schon eine erstaunliche Karriere gemacht. Nun hat Jan Lisiecki alle fünf Klavierkonzerte auf CD herausgebracht.

Es gehört Mut dazu, mit 24 Jahren eine Gesamteinspielung der Klavierkonzerte von Beethoven vorzulegen. Allerdings verdankt sich die Aufnahme einem Zufall: 2018 stellte sich Lisiecki der großen Herausforderung, als er für den erkrankten Murray Perahia einsprang und im Berliner Konzerthaus alle fünf Konzerte an wenigen Tagen hintereinander spielte. Die Live-Aufnahmen dieser Konzerte beweisen nun ein weiteres Mal, das musikalische Reife keine Frage des Alters ist. Gerade in den langsamen Sätzen erweist sich oft, ob ein Pianist wirklich etwas zu sagen hat, oder ob er nur mit originellen Einfällen aufwartet. Lisiecki taucht tief ein in das Thema des Adagio con moto im 5. Klavierkonzerts und spielt mit großer Ruhe und Konzentration.

Mozartische Leichtigkeit

Jugendlich ausgelassen, frisch und keck klingen dagegen die Schlusssätze der Konzerte. Das Rondo des 1. Klavierkonzerts nimmt Lisiecki mit einem fast kindlich ausgelassenen Witz und mit mozartischer Leichtigkeit. Ein großer Vorzug seiner Beethoveninterpretationen ist es, dass Lisiecki den Ausdruck nicht forciert und den Hörer nicht zu einem bestimmten Beethovenbild erziehen. Er überlässt sich ganz dem Fluss der Musik, musiziert mit großem Einfühlungsvermögen und mit viel Charme.

Perlender Anschlag

Dass er eine ausgezeichnete Technik besitzt, konnte man schon in seinen Mendelssohn- und Chopin-Interpretationen hören. Mit perlendem, leichten Anschlag spielt Lisiecki auch Beethoven – und nimmt ihm so alle Wuchtigkeit. Aber Lisiecki hat durchaus nicht nur flinke Finger, wie manch ein anderes pianistisches Wunderkind, er spielt auch melodisch sehr klar, sehr kristallin und klangschön, nichts klingt hier kalt oder zerhackt. Selbst die Kadenzen erklingen ohne Virtuosenallüre. Stattdessen meint man etwas vom Improvisationsgenie Beethovens herauszuhören.  

Schlanker Orchesterklang

Vom Klavier aus übernimmt Lisiecki auch die Leitung der Academy of St Martin in the Fields. Das auf modernen Instrumenten spielende Orchester hat gleichwohl die Tugenden der historischen Aufführungspraxis verinnerlicht: ein vibratoloses, an der rhetorischen Klangrede und an einem transparenten Orchesterklang orientiertes Spiel. Entsprechend präsent, wach und schlank klingt dieser Beethoven, ohne doch ruppig und hart aufs Moderne hin gebürstet zu werden, wie in mancher Originalklang-Aufnahme. Diese Beethoven-Aufnahmen profitieren also nicht nur von ihrem Solisten, sondern auch davon, dass Gleichgesinnte miteinander musizieren.

Julia Spinola, rbbKultur

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