Gioacchino Rossini: Eduardo e Christina © Naxos und Sigismondo © BRKlassik
Bild: Naxos | BR Klassik

Oper - Gioacchino Rossini: "Eduardo e Christina" und "Sigismondo"

Hat die Rossini-Renaissance ihren Höhepunkt überschritten? Was die Quantität der Produktionen auf Bühne und CD angeht, ist ein Ende nicht in Sicht. Doch die Qualität einiger Aufnahmen lässt fürchten, dass die fetten Jahre vorbei sind. Zwei Neueinspielungen unbekannter Opern lassen jedenfalls drauf schließen.

Eigentlich doch paradiesisch für den Belcanto-Fan – da kommen inzwischen nicht selten gleich mehrere Neueinspielungen von Rossini, Donizetti & Co. pro Monat auf den Markt. Man hat die Qual der Wahl.

Naxos setzt seine verdienstvolle Rossini-Edition in Zusammenarbeit mit dem Rossini-Festival in Bad Wildbad fort. Weder das Festival noch die Edition ist ein Garant für Qualität. Eher eine Überraschungstüte. Hinreißendes steht neben lässlichem. Ich kenne keine schönere Aufnahme von "Le Siege de Corinthe" als die bei Naxos erschienene unter Jean-Luc Tingaud. Und nun haben wir das Gegenstück, den Tiefpunkt: ich kenne dafür aber auch kaum eine weniger grässliche Rossini-Opern-Aufnahme als die neue "Edoardo e Cristina" unter Gianluigi Gelmetti.

Am Werk liegt es nicht ...

Offen gestanden, ich fand Gelmettis Stabführung in Sachen Rossini schon immer etwas dröge, vor allem, weil er den Sängern zu wenig Auszierungen gestattete. Immerhin hatte er zu seinen besten Zeiten einige feurige und dramaturgisch spannende Seltenheiten dirigiert. Hier bei dieser Rarität erweist es sich als Rohrkrepierer, überraschungsarm und allzu routiniert. Die Sänger sind fast unterbesetzt. Das sage ich zu meinem größten Bedauern, denn sowohl Silvia Dalla Benetta als auch Laura Polverelli habe ich in anderen Partien gern gehört. Hier bleiben sie seltsam engbrüstig und unfrei in der Gestaltung ihrer Rollen, die Auszierungen klingen nach Akkordarbeit, nicht nach Vergnügen, oft wirken die Spitzentöne wie gestemmte Schwergewichte ...

Das ist der Tod bei Rossini. Selbst der oft inspirierte Camerata Bach Choir schleppt sich seltsam apathisch durchs Werk. Als Draufgabe ist die Akustik in der Bad Wildbad-Trinkhalle auch noch grenzwertig. Wie schade, dass gerade diese Oper so schwach ausfällt – sie gehört zu den rarsten Rossini-Werken überhaupt. Die Musik ist recht sorglos größtenteils aus früheren Werken zusammengestellt, oft aber origineller und schmissiger als in der jeweiligen Erstfassung. Nein, am Werk liegt es nicht.

(**)

Gioacchino Rossini: "Sigismondo"

Besser schneidet da schon der Sigismondo beim Label von BR Klassik ab. Eine wunderbare frühe Oper mit einem ziemlich verrückten polnischen König im Mittelpunkt, vielleicht nicht ganz so poetisch und ausgefallen wie der sinnliche "Aureliano in Palmina" - aber durchaus auf Augenhöhe mit "Tancredi". Ich mag diesmal die Naxos-Edition dieser Oper lieber (2017), die von der quicklebendigen Mezzosopranistin Margarita Gritskova lebt, die den schwer berechenbaren Potentaten erfrischend burschikos singt. Marianna Pizzolato bleibt in der neuen Münchner Einspielung zurückhaltender und gediegener.

Das Männlich/Androgyne der Hosen-Rolle fehlt mir. Vielleicht ist das aber auch Absicht, denn die kanadische Dirigentin Keri-Lynn Watson könnte es hier darauf abgesehen haben, das Feminin-Fragile der Partitur herauszukehren, was ihr auch ausgezeichnet gelingt. Hera Hyessang Park als Aldimira und Kenneth Tarver als Ladislao sind nicht gerade Sänger mit Potential zum Belcanto-Superstar (auch wenn Tarver in letzter Zeit in fast jeder Rossini-Oper zu hören ist, die auf den Markt kommt), doch sind sie verlässliche, souveräne und empathische Solisten, die die Einspielung über weiter Strecken recht genussreich machen.

(***)

Matthias Käther, rbbKultur

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