Charles Gounod: "Faust" © Palazzetto Bru Zane
Bild: © Palazzetto Bru Zane

Oper - Charles Gounod: "Faust"

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Die Oper Faust von Charles Gounod gehört zu den ganz großen Schlagern der französischen Oper. Der ungerechte Vorwurf, dass das Werk Goethes Drama nicht gerecht wird, hat nicht verhindert, dass das Werk bis heute ein Kassenhit ist. Jetzt ist eine neue Aufnahme des Werks herausgekommen beim Label Palazzetto Bru Zane, am Pult steht Christophe Rousset. 

Es dürfte viele überraschen, dass Rousset hier mit seinem Ensemble Les Talens Lyriques einen ziemlich saftigen, lauten und streckenweise bombastischen Faust dirigiert, ohne allerdings auf seinen scharfen Blick für Feinheiten und Nuancen zu verzichten. Effekthascherei muss nicht schlecht sein, wenn man die Effekte, nach denen man hascht, auch erreicht. Musiziert wird hier für meinen Geschmack hinreißend, manchem wird’s vielleicht zu fett sein. Ich vermute mal, da schlägt die Freude des Ensembles für Alte Musik durch, nun endlich mal aus vollen Rohren schießen und auf den Putz hauen zu können – bei der Apotheose am Schluß wackeln die Wände, von der Dezibelzahl her muss sich das Stück vor einem Presslufthammer nicht verstecken, und der Flemish Radio Choir scheint einige Male auf Speed zu sein, etwa im agressivsten Faust-Walzer, den ich je gehört habe.

Gounods Ur-Faust

Allein dafür hätte sichs schon gelohnt. Doch hier warten noch mehr Überraschungen. Hier wird versucht, die Urfassung von 1859 zu rekonstruieren, man könnte hier also in Anlehnung an Goethe vom Ur-Faust sprechen. Man hat sich bemüht, die Oper so aufzuführen, wie sie bei der Premiere 1859 am Theatre Lyrique geklungen hat, noch mit Dialogen, Melodramen und ohne Ballett (das aber in vielen anderen Aufnahmen auch fehlt oder nur durch den Schlussgalopp vertreten ist). Interessant und lohnend. Ich bin immer davon ausgegangen, dass Gounod später für die Zweitfassung sehr viel Material hinzugefügt hat – jetzt stellt sich heraus, dass er umgekehrt eine Menge gekürzt hat – es entfielen nicht nur jede Menge Takte in den übernommenen Stücken, sondern auch ganze Nummern, wie ein wunderbares Terzett im 1. Akt zwischen Siebel, Wagner und Faust. Man könnte hier also eher von einem Director's Cut sprechen. Schade, dass einige ungekürzte Nummern für immer verloren sind.

Fehlbesetzte Magarethe, Volltreffer beim Faust

Inzwischen hat sich beim Opernfan schon ein Pawlowscher Reflex entwickelt - wenn er Rousset und Palazzetto Bru Zane hört, läuft ihm schon das Wasser im Mund zusammen, denn der Palazzetto hat Geld und Rousset hat Geschmack, und für gewöhnlich kommt bei dieser Kombination ein exquisites Sängerensemble heraus. So wird auch hier wieder auf sehr hohem Niveau gesungen. Der erfahrene Bariton Jean-Sebastien Bou gibt den Valentin, souverän wie immer; die kleine Rolle ist in der Urfassung noch erstaunlich groß angelegt. Ebenfalls sonor, gewichtig und agil zugleich: Andrew Foster-Williams als Mephisto. Die anderen beiden Hauptfiguren waren für mich echte Überraschungen. Veronique Gens eine negative. Ich bewundere die Sängerin sehr, sie kann fast alles singen und hat mich eigentlich noch nie enttäuscht – dies hier ist Premiere. Gretchen kann sie nicht – sie ist dafür viel zu sehr Tragödin, man hat immer das Gefühl, da agiert kein unschuldiges verführtes Mädchen, sondern Medea faucht ihre Gegner an. Die Stimme klingt zu dunkel, zu wissend und zu kalkuliert für diese Rolle. Schade, das versetzt der Aufnahme einen echten Dämpfer. Auf der Haben-Seite ist da der Tenor Benjamin Bernheim – eine junge, feurige, ganz unverbrauchte Tenorstimme aus Frankreich, die gerade von sich reden macht,  ein hinreißender Faust. Man muss schon bis zu den goldenen Tagen von Richard Leech zurückgehen, um so eine schöne fließende Stimme in der Rolle zu hören, die außerdem auch noch technisch etwas zu bieten hat.

Matthias Käther, rbbKultur

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