Anamorfosi © Alpha
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Alte Musik - "Anamorfosi"

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Die Kunst der Umformung in der Barockmusik

Schon der Titel der neuesten CD des französischen Ensembles Le Poéme Harmonique weist auf den besonderen Anspruch dieses Albums hin: Gewidmet ist es der "Anamorphose", also der Kunst der Umformung. Seit dem 17. Jahrhundert werden mit diesem Begriff Bilder bezeichnet, die nur aus einem bestimmten Blickwinkel oder mit einem optischen Hilfsmittel erkennbar sind. Vincent Dumestre hat dieses Prinzip nun auf italienische Barockmusik bezogen. Kompositionen von Monteverdi, Rossi und Allegri werden in neuartiger Aufführungspraxis oder aber in wenig bekannten Parodiefassungen interpretiert.

Allegris Miserere – ganz anders

Gleich zu Beginn nimmt sich Vincent Dumestre ein musikhistorisches Monument vor und bürstet es mit enormem Können und Aufwand gegen den Strich: Die Psalmvertonung "Miserere mei" von Gregorio Allegri wurde in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts für die Karliturgie der Päpstlichen Kapelle in Rom geschrieben. Um die Exklusivität des Stückes zu wahren, wurde jegliche Verbreitung außerhalb der Mauern des Vatikans unter Androhung der Exkommunikation verboten. Erst im späten 18. Jahrhundert gelangte eine beim Zuhören notierte Fassung an die Öffentlichkeit, die allerdings kaum der originalen Intention des Komponisten entsprach. Eine 1951 fehlerhaft herausgegebene Version wird bis heute von den meisten Ensembles immer noch als Ausgangspunkt von Aufführungen genutzt. – Damit räumt Vincent Dumestre nun auf: Auf der Basis der Originalquelle bereichert er die an sich simple Psalmvertonung mit Improvisationen und Verzierungen, die von den Sängerinnen und Sängern des Ensembles Le Poéme Harmonique mit größter vokaler Meisterschaft umgesetzt werden. Ganz anders klingt dieses Stück nun, befreit vom romantischen Mythos, konzentriert auf das Wesentliche, voller Spannung und Abwechslung. Schlicht genial.

Parodien

Aber auch andere Stücke bekommen auf der CD "Anamorfosi" eine neue Sichtweise: Luigi Rossis "Lamento della Regina di Svezia" erklingt in einer geistlichen Textfassung, ebenso wie mehrere Gesänge von Claudio Monteverdi. Komplettiert wird das Album durch weitere Werke römischer Komponisten, deren Texte sich um die Vergänglichkeit drehen. Die Sänger und Instrumentalisten von Le Poéme Harmonique wirken in einer hoch konzentrierten, makellosen Weise zusammen, sowohl solistisch als auch im wunderbar homogenen Ensembleklang.

Melancholie in höchster Vollendung

Le Poéme Harmonique und Vincent Dumestre ist mit "Anamorfosi" eine außergewöhnliche Veröffentlichung gelungen. Musikalische Melancholie wird hier in höchster Vollendung geboten. Keine CD zum Nebenbei-Hören, sondern ein Edel-Album zum Innehalten.

Bernhard Schrammek, rbbKultur

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