André Ernest Modeste Grétry: Raoul Barbe Bleue © Aparte
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Opéra-comique in drei Akten (1789) - André Ernest Modeste Grétry: Raoul Barbe Bleue

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Blaubart – das düstere Märchen von Charles Perrault war vermutlich die erste Geschichte der Weltliteratur, die einen Serienmörder zum Helden hatte. Vertont wurde sie mehrmals erfolgreich – die bekanntesten Bühnenversionen stammen von Jacques Offenbach und Bela Bartok. Nun ist eine weitere auf CD erscheinen – Raoul Barbe Bleue von Grétry.  

Kein Lieblingskomponist von mir. Grétrys Musik ist quirlig, elegant, spritzig, aber seine Opern schnurren oft nach einer kurzatmigen Formel ab, die heute nicht mehr so gut funktioniert wie vor 250 Jahren. Und er hat in den meisten Werken weder Glucks und Salieris Spürnase für Innovationen noch Paisiellos oder Mozarts Fähigkeit, auch alberne Situationen tief auszuloten.

Doch Ausnahmen bestätigen die Regel. Immer wieder tauchen in letzter Zeit Opern auf, die Risse in meinem negativen Grétry-Bild entstehen lassen. Werke, die völlig aus dem Rahmen fallen und in keine Schublade passen – dazu gehört neben der überwältigend schönen "Caravane du Caire" (1783) auch diese kleine Entdeckung. Raoul ist eine der letzten bedeutenden Opern des Ancien Regimes überhaupt, uraufgeführt in Paris im März 1789, also nur 4 Monate vor der Revolution. Und hier kündigt sich das Erdbeben schon deutlich an. Verblüffend ist die Ernsthaftigkeit der Musik – das Schauerstück wurde über weite Strecken eben nicht tändelnd-ironisch verpackt, sondern ist ziemlich düster. Viel (und zu recht) bewundert wurde zum Beispiel das Terzett im dritten Akt. Der Suspense ist aufs höchste gesteigert, im Orchester hört man die nahenden rettenden Truppen, die der armen Isaure zu Hilfe kommen, und der Zuschauer nagt an den Fingernägeln und fragt sich – schaffen sie es? Hitchcock im 18. Jahrhundert.

Eng am Originalstoff

Sicher – diese kleine Kammeroper kann es nicht mit dem Symbolgehalt und orchestralen Gewicht von Offenbach, Bartok und Dukas aufnehmen.

Doch ein großer Pluspunkt für Grétry und ein wichtiger Grund, das Werk zu retten, ist die Originaltreue der Vorlage – kein anderer Komponist ist so nahe am Perrault.  Isaure, die ihrem Geliebten Vergy Treue geschworen hat, bricht sie, weil sie vom Ritter Blaubart verführt wird, sie heiratet ihn, dann gibt es die berühmte Aufforderung, dass sie in seiner Abwesenheit auf der Burg eine bestimmte Tür nicht öffnen darf. Das tut sie natürlich und entdeckt die toten Exfrauen, hier übrigens auf drei reduziert. Dann kommt Blaubart im dritten Akt zurück, und dann gibt es richtig Stress, aber – und das ist eine kleine typisch buffoneske Opern-Änderung – Ex-Geliebter Vergy hat sich als weitere Frau verkleidet und auf die Burg geschlichen und rettet seine Isaura.

Operneinstand von Martin Wåhlberg

Ich muss gestehen, diese Aufnahme – meines Wissens die offzielle Ersteinspielung auf CD – hat mich kalt erwischt, ich kenne weder Sänger, Ensemble oder Dirigenten. Doch das Label ist vertrauenswürdig: Aparte, eine sehr verdienstvolle Firma, gerade, was Musik des 18. Jahrhunderts angeht. (Von dort kommen auch zwei gefeierte französische Salieri-Opern unter Christophe Rousset.) In diesem Fall ist bei einem kleinen Barockfestival in Selbu/Norwegen mitgeschnitten worden – mit exzellenten französischen Gastsängern und einem einheimischen Orchester, dem Orkester Nord. Und hier zeigt sich, gute Interpretationen französischer Opern können auch mal aus Skandinavien kommen; hier gibt es rundherum nicht das kleinste bisschen zu meckern. Idiomatische Sänger, ein zupackendes, vor Vitalität fast berstendes Orchester auf historischen Instrumenten. Dies ist die erste Operneinspielung des Dirigenten Martin Wåhlberg, und nach diesem furiosen Einstand kann man nur hoffen, dass es nicht die letzte bleibt.

Matthias Käther, rbbKultur

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