Anton Bruckner: Requiem © accentus music
Bild: © accentus music

RIAS Kammerchor | Akademie für Alte Musik Berlin | Łukasz Borowicz - Anton Bruckner: "Requiem"

Bewertung:

Trauermusiken von Anton Bruckner, größtenteils unbekannt, das macht neugierig! Hauptwerk ist sein Requiem in d-Moll, dazu kommen etliche Kompositionen, die bislang noch nicht eingespielt worden sind. Zu hören sind vier Gesangssolisten, der RIAS-Kammerchor und die Akademie für Alte Musik Berlin, die Leitung hat der noch recht junge polnische Dirigent Łukasz Borowicz.

Bruckners Requiem entstand 1849 im Stift St. Florian bei Linz, da war der Komponist 25 Jahre alt und Hilfslehrer. Aber sein Talent war schon zu bemerken, er wurde mit der Komposition sakraler Gelegenheitsmusik beauftragt. Auch das Requiem gehört in diesen Kontext, allerdings war es kein Auftrag. Bruckner hat es aus Anlass des Todes seines älteren Freundes und Gönners Franz Seiler geschrieben. Diese Neuaufnahme erfolgte nach aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen, nach der Urtext-Gesamtausgabe von Bruckners Kompositionen.

Vorbild Mozart – Bruckners Tonsprache im Requiem

Anton Bruckner ist hier noch nicht der spätromantische Sinfoniker, der Klangmaler. Die Musik klingt noch stark nach dem großen Vorbild seiner Jugend Wolfgang Amadeus Mozart. Dessen Requiem war einfach damals das Werk des Genres, an dem sich alle messen mussten. Der junge Bruckner kannte jede Note, hatte es mit Sicherheit als Sängerknabe in St. Florian schon gesungen. Auch die gewählte Tonart d-Moll verweist auf Mozart. Aber Bruckner geht dann doch schon neue Wege, auch Beethoven und Schubert klingen durch ...

Wenig Lebendigkeit trotz Liveaufnahme – Dirigent Łukasz Borowicz lässt eigene Handschrift vermissen

Live-Aufnahme vermitteln oft eine größere Lebendigkeit als Studioproduktionen. Das ist hier leider nur bedingt der Fall. Der polnische Dirigent Łukasz Borowicz gilt im Orchesterbereich als verheißungsvolles Nachwuchstalent, Stichwort Shooting Star. Aber er hat anscheinend ein weniger gutes Händchen für Chorleitung. Beim Hören entsteht der Eindruck, dass er mit diesen beiden Spitzenensembles RIAS-Kammerchor und der Akademie für Alte Musik Berlin nicht intensiv genug an der Musik gearbeitet hat. Vordergründig hört man Fehler, die nicht sein müssten, etwa klangliche Unsauberkeiten im Sopran. Darüber könnte man – mit Blick auf die Lebendigkeit –  allerdings noch hinwegsehen. Aber leider ist das, was man hier hört, nicht lebendig, sondern über weite Strecken eher dröge. Es ist bei Łukasz Borowicz kein interpretatorisches Konzept, keine dirigentische Handschrift zu erkennen. Manchmal scheint er lediglich den Takt angegeben zu haben. Und da muss man wirklich von Glück sagen, dass sowohl die Sängerinnen und Sänger des RIAS-Kammerchors als auch die Mitglieder der Akademie für Alte Musik Berlin so professionell agieren, dass am Ende trotzdem Musik herauskommt!

Fazit: Interpretation durchschnittlich, Werkauswahl interessant

Für ein Spitzenvokalensemble wie den RIAS-Kammerchor ist diese neue CD leider nur eine recht durchschnittliche Visitenkarte. Die Dramaturgie, sprich Auswahl der Werke ist aber sehr interessant, es gibt mehrere Welt-Ersteinspielungen bislang kaum bekannter kleinerer Trauerkompositionen Bruckners. Der Bremer Musikwissenschaftler Benjamin–Gunnar Cohrs hat einige dieser vergessenen Werke in diversen Archiven entdeckt und herausgegeben. Das sie nun hörbar sind ist absolut zu begrüßen!

Claus Fischer, rbbKultur

Weitere Rezensionen

Hector Berlioz: La damnation de Faust © Erato
Erato

CD-Kritik - Hector Berlioz: "La damnation de Faust"

Zum 150. Todestag des Komponisten Hector Berlioz ist eine Neuaufnahme der berühmten dramatischen Legende "Fausts Verdammnis" erschienen – mit der Star-Mezzo-Sopranistin Joyce DiDonato als Gretchen. Ist damit der Höhepunkt dieses Feierjahres erreicht?

Bewertung:
Joseph Haydn, Missa Cellensis © harmonia mundi
harmonia mundi

CD-Kritik - Joseph Haydn: "Missa Cellensis"

Sie ist die umfangreichste Vertonung des Messkanons aus der Hand von Joseph Haydn, die "Missa Cellensis" zu Ehren der Jungfrau Maria, kurz die "Mariazeller Messe". Nun liegt sie in einer historisch-informierten Neueinspielung vor, mit Solisten, dem RIAS-Kammerchor und der Akademie für Alte Musik Berlin, die Leitung hat Justin Doyle.

Bewertung:
Robert Schumann: Myrthen © Sony Classical
Sony Classical

CD-Kritik - Robert Schumann: "Myrthen"

Ein umfangreiches CD-Projekt mit sämtlichen Liedern von Robert Schumann hat Christian Gerhaher gestartet. Schumann ist einer seiner absoluten Hausgötter. Entsprechend wurde die erste Lieferung gefeiert. Jetzt ist das zweite Volume erschienen. Ist die Begeisterung wieder groß?

Bewertung: