Serge Taneyev: Sämtliche Kammermusik © Northern Flowers
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CD-Kritik - Serge Taneyev: "Sämtliche Kammermusik"

Bewertung:

Serge Taneyev (1856-1916) ist lange schon eine Art 'offizieller Geheimtipp' der russischen Romantik – mit der Pointe, dass Taneyev erst geboren wurde, als Schumann schon einige Monate tot war. Ein Nachzügler und Epochenverschlepper also. Allerdings haben sich immer wieder große Musiker wie Vadim Repin, Mikhial Pletnew und Evgeny Swetlanow für ihn eingesetzt. Die Gesamtaufnahme seiner Kammermusik mit dem Taneyev Quartet ist ein Katalogklassiker aus den späten 70er Jahren, der hier erstmals vollständig bewundert werden kann.

Taneyev, ein Freund Tolstois und Turgenjews (außerdem Lehrer von Medtner und Reinhold Glière) war ein guter Melodiker. Entweder er hat einen substanziellen Einfall, oder er weiß das motivische Material so zu verarbeiten, dass ein unverwechselbar melodisches Profil entsteht. Worin allein er schon eine Zuordnung zur Romantik rechtfertigt. Seine neun Streichquartette, außerdem Streichquintette, Trios und Kammermusik mit Klavier, stellen das Zentrum seines Gesamtwerkes da (ganz ähnlich wie bei Brahms; wobei Taneyev auch noch eine Operntrilogie vorzuweisen hat). Das für russische Intellektuelle zeittypische Interesse an der westlichen Kultur wird bei ihm in den klassischen Formen dokumentiert, zu denen er hält (die Rückbesinnung auf nationale Tugenden und russische Lyriker beschränkt sich weitgehend auf die hier nicht vertretenen Chorwerke und Lieder).

Konkurrenzlos eigentümlich und schön

Für Taneyevs Kammermusik hat man sich mittlerweile auch bei anderen Labels eingesetzt (so bei Dabringhausen & Grimm, Naxos und Hyperion). Die Referenzaufnahme mit dem Taneyev Quartett indes, einer der wichtigsten Quartettformationen der sowjetischen Nachkriegszeit, leuchtet unvermindert. Technisch mögen die Musiker nicht ganz so lupenrein und schönheitserpicht sein wie heutige Streichquartette. Dafür spricht eine Dringlichkeit, ein unnachahmlich scharfer Wind der Zeitgeschichte aus diesen Aufnahmen, den man wohl honorieren sollte. Konkurrenzlos eigentümlich und schön. Und noch nie preiswerter als hier.

Kai Luehrs-Kaiser, rbbKultur

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