Vox Humana; © Montage: rbbKultur
Bild: cpo

Vokalmusik - Allan Pettersson: "Vox Humana"

Bewertung:

Ein spezielles und intensives Werk, das in Deutschland bei weitem noch nicht so bekannt ist wie im Land seiner Entstehung Schweden ist die Kantate "Vox Humana" ("Die menschliche Stimme") von Allan Petterson. In dieser großartigen Neuaufnahme unter Leitung des jungen schwedischen Dirigenten Daniel Hansson absolut hörenswert!

Allan Pettersson ist vor allem als Sinfoniker bekannt. Auf diesem Feld hat er Großes geleistet: 17 Sinfonien, die meisten von einer Stunde Länge oder mehr. Sein sinfonischer Werkscorpus lässt sich an Größe und musikalischer Intensität mit dem von Dmitri Schostakowitsch vergleichen. Auch in der Kompositionstechnik gibt es da Verwandtes: Pettersson hat sich, wie Schostakowitsch nie von der Tonalität verabschiedet. Das schwankt bei ihm zwischen einer spätromantischen und eigentümlich modernen Tonsprache.

Die Kantate "Vox Humana" ist das umfangreichste seiner wenigen Vokalwerke und ist deshalb singulär in seinem Schaffen. Petterson hat nur wenige Vokalwerke hinterlassen und das ist das Größte. Und in dieser wirklich großartigen Neuaufnahme unter Leitung des jungen schwedischen Dirigenten Daniel Hansson absolut hörenswert!

Und wenn der Tod vor der Tür steht? Ja, dann lass ihn herein!

Gesänge von Leid und Schmerz

Schon in den ersten Takten wird man von der Musik Petterssons und von der Interpretation gefangen genommen. Das Alt-Solo von Anna Grevelius ist berückend schön. Ihr schlankes, aber doch sehr warmes Timbre passt hervorragend zu dieser eigentümlichen Musik, zu diesem Lamento, das irgendwo zwischen 19. und 20. Jahrhundert zu liegen scheint.

Das Libretto der Kantate besteht aus Gedichten von südamerikanischen Lyrikern, der bekannteste ist Pablo Neruda. Alle hatten unter diversen Diktaturen zu leiden. 1973, ein Jahr vor Entstehung des Werks putschte sich in Chile Augusto Pinochet an die Macht. Es sind Texte, die die Freiheit beschwören, aber vor allem unsägliches Leid und Schmerz beklagen. Man denke an die unzähligen verschleppten und ermordeten Männer in Chile.

Im zweiten Satz, der mit "Ballade" überschrieben ist, lässt Petterson den Chor erstmals auftreten, und zwar in Kombination mit Solo-Tenor. Conny Thimander singt ebenfalls sehr schön, klar und gerade. Der entscheidende Satz im Text am Schluss ist: "Und wenn der Tod vor der Tür steht? Ja, dann lass ihn herein!"

Beeindruckend: das Ensemble SYD aus Malmö

Der Chor hat eine perfekte Intonation, den Sängerinnen und Sängern gelingt eine unglaublich intensive Wortausdeutung. Und alles geschieht scheinbar mühelos, wo doch diese Musik mit ihren tonalen Rückungen und Verrückungen außerordentlich schwer zu singen ist! Alles wirkt unglaublich organisch und austariert. Die Tempi, die Dirigent Daniel Hansson wählt, sind optimal. Die Sängerinnen und Sänger fühlen sich perfekt in diese melancholische Denkwelt von Allan Pettersson ein – nicht einfach bei dieser zum Teil recht depressiven Musik!

Komponieren als Bewältigung der eigenen Biografie

Allan Pettersson sah in diesen Texten aus Südamerika die Abgründe des menschlichen Lebens wieder, die er selbst auch erleben und erleiden musste. Er kam aus den sprichwörtlichen "zerrütteten Verhältnissen". Sein Vater war Alkoholiker und hat ihn als Kind schrecklich misshandelt, so dass er an den körperlichen Folgen sein Leben lang gelitten hat. Er war die letzten 20 Lebensjahre öfter im Krankenhaus als zuhause am Schreibtisch. Auf die Frage, warum er komponiere, hat er einmal geantwortet: "Um den Gesang wiederzufinden, den die Seele einst gesungen hat".

Auch das zweite Werk ist absolut hörenswert

Diese sechs Lieder für mittlere Stimme sind ein Frühwerk des Komponisten, 1935 entstanden, also 39 Jahre vor der Kantate "Vox Humana", und zwar mit Klavierbegleitung. Der junge schwedische Komponist Staffan Storm hat – exklusiv für diese CD – eine Fassung mit Streichorchester geschaffen, die hervorragend gelungen ist. Hier kann Bariton Jakob Högström sein volles Können zeigen. Er hat ein wunderbar lyrisches Timbre mit viel Schmelz.

So findet diese sehr hörenswerte CD einen wunderbar lyrischen Abschluss!

Claus Fischer, rbbKultur

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