Joseph Haydn, Missa Cellensis © harmonia mundi
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CD-Kritik - Joseph Haydn: "Missa Cellensis"

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Sie ist die umfangreichste Vertonung des Messkanons aus der Hand von Joseph Haydn, die "Missa Cellensis" zu Ehren der Jungfrau Maria, kurz die "Mariazeller Messe". Nun liegt sie in einer historisch-informierten Neueinspielung vor, mit Solisten, dem RIAS-Kammerchor und der Akademie für Alte Musik Berlin, die Leitung hat Justin Doyle.

Am Pult bei Haydns "Mariazeller Messe" steht hier der äußerst agile Chef des RIAS-Kammerchors, der Brite Justin Doyle. Und seine Herangehensweise fällt schon in den ersten Takten der Messe auf. Das Kyrie beginnt ja ganz zart und musikalisch monoton. Justin Doyle bringt da einen schwebenden Klang rein, geradezu überirdisch! Also man ist vom ersten Ton an fasziniert...

Leichtigkeit und Transparenz

Eine wunderbare Leichtigkeit im Singen und Musizieren zeichnet diese Neuaufnahme von Haydns großem Sakralwerk aus, ein herrliches Wechselspiel zwischen Chor und Orchester! Beide spielen sich wunderbar die Bälle zu. Die Artikulation ist perfekt und es gibt immer wieder Momente der Überraschung. Es macht Spaß, dem nachzuspüren, was Justin Doyle hier aus Chor und Orchester rausholt, alles ist perfekt austariert, der Chor wird nie vom Orchester zugedeckt, das macht Laune!

Der "katholische Engländer" Justin Doyle

Justin Doyle hat die perfekte Hand für diese Musik. Als Engländer kommt er aus einer großen chorsinfonischen Tradition, die ja auf Georg Friedrich Händel, aber eben auch auf Joseph Haydn mit zurückgeht. Haydn war als reifer, weiser Musiker in London, hat dort seine Oratorien aufgeführt und auf das Publikum tiefen Eindruck hinterlassen. So gehört seine Musik auch zur englischen DNA.

Obwohl die "Mariazeller Messe" ein Werk aus Haydns Frühphase ist, geht Justin Doyle mit diesem englischen "Haydn-Gen" ran. Dazu kommt, dass er katholisch sozialisiert ist, er hat seine Wurzeln im Knabenchor von Westminster Cathedral, der römisch-katholische Bischofskirche im London. So hat er natürlich von Kindesbeinen an lateinische Messen mitgesungen. Insofern verwundet es nicht, dass er den Text perfekt auslotet. Besonders gut gelingt ihm das im prachtvollen Gloria, dem "Ehre sei Gott in der Höhe".

Herausragende Gesangssolisten

Auffällig im "Gloria" ist die Sopranistin Johanna Winkel, eine der vielversprechendsten Entdeckungen in Sachen Oratoriengesang in den letzten Jahre. Sie besitzt eine klare, schlanke und doch kräftige Sopranstimme, die alle Klippen scheinbar mühelos meistert – sie fügt sich wunderbar ein in den vitalen Gesamtklang. Das trifft auch auf ihre Kollegen zu, die Altistin Sophie Harmsen und den Tenor Benjamin Bruns, die aber in der "Mariazeller Messe" keine adäquaten Glanzpartien haben. Mit dem Bass Wolf-Matthias Friedrich, einem Altmeister des historisch-informierten Gesangs, der im "Agnus Dei" ein geradezu berückendes Solo hinlegt, rundet sich das auch bei den Solisten harmonische Klangbild.

Absolut hörenswert!

Es gelingt Justin Doyle hier im Verein mit ein Solisten, seinen Chormitgliedern und der Akademie für Alte Musik Berlin wunderbar, dieses abendfüllende Werk zu entstauben! Von der "Mariazeller Messe" existieren ja zahlreiche Aufnahmen seit den 1960er Jahren, meist herausgebracht unter der umstrittenen Bezeichnung "Cäcilienmesse", oft mit einem Pathos, das Haydn absolut nicht gerecht wird. So wie Justin Doyle und nicht anders muss man an diese Partitur rangehen!

Claus Fischer, rbbKultur

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