Simon Trpceski: "Tales From Russia" © Onyx
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CD-Kritik - Simon Trpčeski: "Tales From Russia"

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Der Pianist Simon Trpčeski wurde 1979 in der mazedonischen Hauptstadt Skopje geboren und dort von Boris Romanow in der russischen Klaviertradition ausgebildet. Seine neue CD heißt "Tales from Russia" – Märchen aus Russland.

Zwei symphonische Brocken erklingen auf dieser CD in hochvirtuosen Klavierbearbeitungen: Mussorgskys Hexensabbat-Orchesterstück "Nacht auf dem kahlen Berge" und Rimskij-Korsakows fünfsätzige sinfonische Dichtung "Scheherazade". Den Anfang macht jedoch Prokofjews sehr zarter und intimer Klavierzyklus "Die Märchen der alten Großmutter". Denn inspiriert wurde Trpčeski zu dieser stimmigen Werkauswahl durch die Erinnerungen an seine eigene Großmutter, di­e – so erzählt er es in einem Interview – kleine "Ein-Personen-Musicals" aus ihren Märchenerzählungen gemacht habe, indem sie erzählte und dazu sang.

Flüchtige Visionen

Prokofjews Klavierzyklus, entstanden 1918 kurz nach der Emigration in die USA, steckt voller Wehmut, und zeigt das große lyrische und harmonische Talent Prokofjews, die Kehrseite der berserkerhaften Aufsässigkeit in seinen motorischen Stücken. Trpčeski spielt die vier Miniaturen versunken und nach innen gekehrt, dabei wohltuend unsentimental und klar. Er rückt sie in die Nähe von Prokofjews aphoristischen "Visions fugitives".

Breitwandcolor

In Rimsky-Korsakows "Scheherazade" steht Trpčeski vor der Herausforderung, eine Breitwand-Color-Orchesterdichtung auf den Flügel zu übertragen. Er findet immer wieder sehr schöne Farben auf dem Flügel, die einem die überreiche Instrumentation der Originalfassung in Erinnerung rufen. Aber den Sultan des Märchens würde er durch sein Spiel nicht besänftigen können, da der große, dramatische Bogen immer wieder abreißt.

Russische Pranke

Mussorgskys Orchesterstück "Nacht auf dem kahlen Berge" ist musikalisch um einiges dichter komponiert und daher dankbarer für eine Klavierbearbeitung. Hinzu kommt, dass die Transkription des russischen Komponisten Konstantin Chernov raffinierter ist, als die "Scheherazade"-Bearbeitung von Paul Gilson.

Trpčeski verfügt über eine souveräne Technik, er hat flinke Finger und langt mit großer Pranke zu, bisweilen eine Spur zu grob und polternd. Vom Spuk des Hexentreibens ist in seiner etwas abgezählt und gemächlich wirkenden Interpretation allerdings wenig zu hören. Elektrisierender und aufsässiger hat sich zum Beispiel Pianist Boris Berezovsky die Klavierbearbeitung anverwandelt.

Julia Spinola, rbbKultur

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