Klavierwerke von Viktor Ullmann; Montage: rbbKultur
Berlin Classics
Bild: Berlin Classics

Solistin - Viktor Ullmann – Klavierwerke

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Stephan Frucht, Dirigent und künstlerischer Leiter des Siemens Arts Program, und die Pianistin Annika Treutler erinnern zum 75. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz mit ihrer Aufnahme von Werken Viktor Ullmanns exemplarisch an die in der NS-Zeit verfemten und ermordeten Komponisten.

Viktor Ullmanns Klavierkonzert entstand 1939 in Prag, kurz nach dem Einmarsch der deutschen Truppen. Es ist ein stilistisch und in seinen Proportionen zerrissenes, aufregendes Werk, mit zwei höchst konträren längeren ersten und zwei kurzen letzten Sätzen. Die Pianistin Annika Treutler und das RSB unter Stephan Frucht werden den wechselnden Stil- und Ausdruckslagen des Stücks mit großer Intensität und Präzision gerecht. Der erste Satz hat genau die atemlose Präzision und Schärfe, die er braucht. In dem nostalgischen Walzerthema des zweiten Satzes entfalten Orchester und Pianistin große Klangsinnlichkeit und Schmelz: Es ist eine Erinnerung an eine untergehende Welt, die sich immer wieder zu einem brennenden Schmerz steigert.

Annika Treutler; © Neda Navae
Bild: Neda Navae

Komponieren unter grauenvollen Bedingungen

Wie die 3. Klaviersonate, hat Ullmann auch das Klavierkonzert der ungarischen Pianistin Juliette Arányi gewidmet. Zur Uraufführung kam es erste 1992 in Stuttgart, weil Arányi, wie Ullmann selbst, 1942 nach Theresienstadt deportiert und dann 1944 in Auschwitz ermordet wurde. Das letzte Stück auf der CD ist die im August 1944 im Konzentrationslager Theresienstadt komponierte 7. Klaviersonate, Ullmanns allerletzte vollendete Komposition. Wie war es möglich, das Komponieren unter den unmenschlichen, grauenvollen Bedingungen in diesem Lager fortzusetzen?

Geistiger Widerstand

Gerade Ullmanns Musik sollte nicht als unmittelbarer Reflex auf die täglichen Unmenschlichkeiten und Schrecken des Lagers missverstanden werden. Musik war in Theresienstadt vor allem ein Akt des geistigen Widerstands, der inneren Resistenz. Das ist wiederum nicht zu verwechseln mit einer bloßen geistigen Flucht in irgendwelche betäubenden Traum- oder Gegenwelten. Ullmann hat selber darauf hingewiesen, wie die Extrembedingungen des Lagers für ihn zu einer, wie er sagt "Schule der Form" geworden seien. Dort, wo man – so Ullmann – "auch im täglichen Leben den Stoff durch die Form zu überwinden hatte, wo alles Musische in vollem Gegensatz zur Umwelt gestanden habe", dort sei die "wahre Meisterschule" gewesen.

Trotziger Ton

Tatsächlich ist Ullmanns 7. Klaviersonate ein Meisterwerk der Form. Die Fülle der Themen, Ausdruckslagen, musikalischen Anspielungen und Zitaten ist in einer symmetrischen fünfsätzigen Konstruktion organisiert. Instrumentationshinweise im Manuskript legen nahe, dass Ullmann das Stück zu einer Symphonie ausarbeiten wollte. Der Schlusssatz beginnt als Variationenfolge über ein hebräisches Volkslied und mündet in ein gewaltiges Fugenfinale, das unter anderem einen Luther-, einen Hussitenchoral und das B-A-C-H-Motiv zitiert. Annika Treutler spielt das mit unglaublicher technischer Brillanz und mit einem zunehmend anklagenden, fast trotzigen Ton.

Julia Spinola, rbbKultur

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