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Oper - Francesco Morlacchi: "Tebaldo e Isolina"

Bewertung:

Das Rossini-Festival in Bad Wildbad präsentiert seit über 20 Jahren jährlich im Sommer mehrere Rossini-Opern. Doch fast immer ist auch ein rares Werk aus dem Rossini-Umfeld dabei. Jetzt erschienen ist ein Mitschnitt bei Naxos - "Tebaldo e Isolina" vom Rossini-Zeitgenossen Francesco Morlacchi.

Morlacchi ist ein faszinierender Charakter, der vor allem in der deutschen Musikgeschichte eine wichtige Rolle spielte. Er hat eine erstaunlich ähnliche Biographie wie Hasse 70 Jahre vor ihm – auch er war Hofkomponist in Sachsen, auch er pendelte zwischen Venedig und Dresden hin und her, nur mit dem Unterschied, dass Morlacchi nun auf eine grimmige deutsche Romantik und zunehmende Italienfeindlichkeit stieß.

An seinem Werk entzündeten sich ästhetische Debatten, und Tebaldo und Isolina, eine Romeo- und Julia-Geschichte, gilt als sein umstrittenes Hauptwerk – quasi der dickste aller Zankäpfel von diesem Baum – und es ist es durchaus faszinierend, diese Oper nun hören zu können, mit all ihren Höhen und Tiefen.

Morlacchi war ein einer schwierigen Situation. Als Italiener hatte er ausdrücklich den Auftrag, italienische Opern zu schreiben. Andererseits wollte er sich nicht als sklavischen Rossini-Epigonen präsentieren. Und so mogelte er sich eine Weile mit einem ziemlich eigenartigen Stil durch, eine Art hochfrisierten Paisiello. Er brachte im selben Jahr wie Rossini (1816) in Dresden einen enorm langweiligen Barbier von Sevillia heraus.

Aber irgendwann nahm er seinen Mut zusammen und warf den Fehdehandschuh hin – und Tebaldo e Isolina ist die Kampfansage an Rossini – übrigens nicht nur ein feiger Ruf aus dem fernen Dresden. Diese Oper wurde zunächst in 1822 Venedig aufgeführt, auf dem Höhepunkt des Rossini-Fiebers, und drei Jahre später auch als Neufassung in Dresden, beide Versionen waren äußerst erfolgreich.

Merkwürdiges Libretto

Selbst für mich Melomanen, der ich die Belcanto-Opern seit vielen Jahren am laufenden Meter konsumiere, kann ich keinen großen Unterschied zu Rossinis Stil feststellen. Nun werden die Zeitgenossen feinere Ohren in diesen Dingen gehabt haben als wir, aber vergleicht man Morlacchis Oper mit denen anderer Kollegen aus derselben Zeit, etwa Donizetti oder Meyerbeer, ist bei letzteren eine deutlichere persönliche Färbung zu spüren, sogar bei Meistern der zweiten Liga wie Coccia spürt man mehr Eigeninitiative. Immerhin kann man ihm große Kunstfertigkeit, ein Talent für lyrische Momente und großen routinierten Schwung nicht absprechen.

Manch einer mag einwenden, dass der große Atem, der viele Nummern, ja ganze Nummernkomplexe durchzieht, doch bemerkenswert sei, doch das könnte auch auf Kosten des Librettisten Gaetano Rossi gehen, der sich in diesen Jahren zunehmend für solche tableauähnlichen Konstruktionen zu interessieren begann, wie sie sich wenige Jahre später auch in Semiramide (für Rossini) und Il Crociato in Egitto (für Meyerbeer) finden. Nebenbei bemerkt – außer in strukturellen Dingen ist das Libretto wenig ansprechend. Romeo und Julia im Erzgebirge mit glücklichen Ausgang – das ist nahe an der Selbstparodie.

Kein Glanzstück des Festivals

Wildbad – ach ja. Einst ein Hoffnungsträger, nun eher ein Schmerzenskind der Belcantofans. Inzwischen ist dieses spannende Festival leider im qualitativen Niedergang, und der begann sich hier, zum Zeitpunkt der Aufzeichnung 2014, langsam abzuzeichnen.

Das Problem mit solchen Opern ist, dass sie eigentlich fast noch perfekter gesungen sein müssen als echte Rossinis – das heißt, solche Schinken wirken dann frappierend und genussreich, wenn man sie auf einem immensen sängerischen Niveau präsentierte. Das hat das Festival selbst durchaus gekonnt, 2012 etwa mit einem grandios gesungenen "I Briganti" von Mercandate.

Hier fehlt das Funkeln der immerhin doch effektvollen, dankbaren Partitur. Das Perfide ist – die beiden Titelrollen sind nicht mal schlecht besetzt. Sie sind passabel besetzt. Das reicht schon aus, um die Oper kaputtzumachen. Laura Polverelli, immer super in kleineren Rollen, gerät hier bei dieser stupenden Partie des Tebaldo in ihre Grenzen, die eigentlich jemand wie die Horne hätte singen müssen.

Sandra Pastrana als quält sich in den Höhen, sie stemmt die Spitzentöne mit tollkühnen, aber verkrampften Anläufen, so dass man als Hörer mehr um die Interpretin fürchtet als um die Rolle. Flach und zähflüssig klingt der Bass Raul Baglietto, und hier zeigt sich wieder der schlimme Effekt, dass eine Nebenrolle, schlecht besetzt, das Gesamtbild erheblich eintrüben kann.

Ein wichtiges Werk, und gut, dass es nun endlich mal zu hören ist, aber wie so oft muss es sich der Enthusiast seufzend "schönhören" um zu verstehen, welche magische Wirkung es damals auf die Zeitgenossen hatte. An Antonino Fogliani, dem Spezialisten für Rares am Pult der der Virtuosi Brunensis hats nicht gelegen. Der macht mit seinem Ensemble wie immer einen sehr guten Job – und erleichtert dem Enthusiasten das Schönhören nicht unerheblich.

Matthias Käther, rbbKultur

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