Händel: Agrippina © Erato
Bild: Erato

Oper - Händel: "Agrippina"

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Händel-Opern sind keine Seltenheit auf den Bühnen, allerdings gibt’s da diverse Unterschiede in der Popularität. Manches sind Raritäten, anderes wird immer wieder gespielt. Jetzt ist eine neue Aufnahme der Oper Agrippina beim Label erato herausgekommen.

Diese Oper ist etwas ganz Besonderes, weil sie eigentlich beides ist, Rarität und Bühnenhit. Sie hat sich in den letzten 20 Jahren vom Geheimtipp zum Kassenschlager entwickelt und wird wohl nun im 21. Jahrhundert unwiderruflich zum Repertoire der Weltbühnen gehören. Auch in Berlin war das Werk vor einigen Jahren zu sehen, nun läuft es ab Mai sogar an der MET, die nicht gerade als besonders raritätenverliebt bekannt ist. Agrippina ist inzwischen eine sichere Bank in Sachen Händel-Entertainment, kein Wunder, die Musik ist ja auch superb.

Feuriges Jugendwerk

Agrippina ist der erste große Opernerfolg Händels. Damals hielt sich er sich noch in Italien auf, um sich weiterzubilden, war also noch nicht in London. Der Auftrag für diese Oper kam wohl sehr überraschend, und so hat Händel eine Art Best-of-Jugendwerk kreiert – das heißt, er hat für diese Oper sein gesamtes bisheriges Schaffen ausgewertet, vor allem Suiten und Kantaten. Drei Viertel der Oper besteht aus solchen Recycling-Maßnahmen, aber auch das, was neu hinzukommt, ist aufregend.

Wir erleben hier einen Händel, der wesentlich kurzweiliger und zupackender ist als in den Londoner Jahren (sieht man von späten Reformopern wie Xerxes mal ab). Es gibt nur wenige große Dacapo-Arien, die Musik wirkt eher epigrammatisch. Wenig Abgenutztes ist zu hören, alles wirkt frisch, kontrastreich und geht sofort ins Blut.

Zu viele Countertenöre

Ein Countertenor-Fan war ich noch nie, und ich bitte die Leser, diese chronische Nichtbegeisterung für die hohen Männerstimmen (zumindest für die, die Soprankastraten-Partien mit einer im Großen und Ganzen viel zu tiefen und engen Stimme wiedergeben) als persönliche Idiosynkrasie zu werten und nicht als objektives Werturteil. Mir sind Frauen in diesen Partien einfach lieber. Und zwangsläufig ärgere ich mich grün und blau, wenn man versucht, eine Partitur sogar da mit Countern zu behelligen, wo Frauenrollen vorgeschrieben sind, wie hier im Falle des Ottonone. Diesen Missmut einmal abgezogen, ist dies eine erfreulich gut gesungene Einspielung.

Denn erstens ist Joyce di Donato mit Agrippina auf Augenhöhe, sie gestaltet hier ja eine reife Frau, keine junge Liebhaberin, und dies leicht Herbe, zuweilen auch Abgeklärte in der Stimme bekommt der Rolle gut, wenn auch ihr Overacting in ein, zwei Arien ein bisschen stört. Auch Franco Fagioli schlägt sich erstaunlich gut, trotz meiner Vorurteile hat er mich überzeugt. Das ist das Beste, was ich bisher von ihm gehört habe: ein saftiger Nerone mit interessanten Verzierungen, die Stimme ist weniger harsch als früher, hat Rundungen bekommen, die die Tonlage für meine Ohren angenehmer machen.

Die größte Überraschung war für mich aber die frische, exquisite Gestaltung der Poppea durch Elsa Benoit, eine junge Französin, die man im Auge (und Ohr) behalten sollte. Sie ist jetzt Ensemble-Mitglied der Bayerischen Staatsoper und singt dort Musette und Zerlina.  

Dramatisch zupackend

Ja, es gibt stilistisch sauberere, leichtfüßigere Agrippinas auf dem CD-Markt. Doch das hier ist vielleicht die wuchtigste, dramatisch packendste, auch in den Rezitativen, wenn ich auch noch keinen Nicht-Spezialisten getroffen habe, der sich diese vielen ungekürzten, oft ellenlangen Rezitative wirklich gern anhört. Schon merkwürdig. Überall wird heute der Rotstift angesetzt, nur da nicht, wo es wirklich sinnvoll ist.    

Erwähnt werden soll und muss noch Il Pomo d'Oro. Was für ein herrliches Barockensemble, was für eine dramatische Spannkraft noch bis in die kleinste Arie hinein! Die waren schon immer gut, nun sind sie noch viel besser geworden, und das sicher auch dank des Dirigenten Maxim Emelyanychev.

Matthias Käther, rbbKultur

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