Nikolai Rimsky © Melodiya
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Oper in einem Akt - Nikolai Rimsky-Korssakoff: "Der unsterbliche Kashchey"

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Nikolai Rimsky-Korsakov ist auf den Opernbühnen kein Unbekannter – Sadko und der Goldene Hahn ist vielen Musikliebhabern ein Begriff. Jetzt ist eine historische Aufnahme mit einem raren Einakter beim russischen Label Melodiya erschienen.

Kashchey ist ein gleichzeitig verstörendes wie beglückendes Werk verstörend, weil Sie eigentlich fast alles vergessen können, was Sie an Klischees über Rimsky kennen; das ist eine harsche, radikale Musiksprache, die schon 1902 auf Prokofjew und Schostakowitsch vorausweist. Beglückend deswegen, weil hier in einer der besten Märchenopern des frühen zwanzigsten Jahrhunderts der Komponist weniger ausschweifend und langwieriger komponiert als sonst – Rimskys große Idden fegen im Sturmtempo an uns vorüber – übrigens ganz wörtlich, denn der Sturm spielt hier sogar als Person mit.

Böser Zauberer mit fieser Tochter

Der titelgebende böse Zauberer Kashchey hält eine Prinzessin gefangen, die darauf wartet, dass ihr Prinz sie befreit – Kashchey ist, wie der Titel schon subutil andeutet, unsterblich, aber nur so lange, wie dessen schöne Tochter fies und kalt bleibt. Sobald sie sich verliebt, ist es aus mit der Macht – und hier wird eine schöne Vierecksgeschichte konstruiert – hinzu kommt nämlich noch der Geist des Sturmwinds, der es satt hat, immer vom Zauberer rumkommandiert zu werden, und der sich rächt, indem er die Dinge durcheinanderbringt. Und tatsächlich geht erstmal alles schief, was schiefgehen kann, der Prinz verliebt sich etwa in die Tochter des Zauberers (Madame Kashcheyeva ist eine geradezu gespenstische Vorahnung auf Turandot), aber am Ende geht’s natürlich gut aus wie immer im Märchen. Ein super Plot, und das will etwas heißen - wirklich grandiose Libretti sind auch um 1900 rar gesät.

Eine der ersten modernen Opern des 20. Jahrhunderts

Auch musikalisch ist das Werk mehr als nur amüsant. Alle fünf Stimmen sind extrem präzise herausarbeitet, jede ist mit einer unterschiedlichen Opernstimmlage ausgestattet und so auch auf einer alten Mono-Einspielung perfekt unterscheidbar: Tenor, Bariton, Bass, Sopran und Mezzosopran. Dann fällt aber auf, dass der Held, der nette Prinz, hier von einem Bariton gesungen wird, während dem Strahle-Tenor die Rolle des bösen Zauberers zufällt – das ist schon mal eine herrliche Provokation. Und dann zieht Rimsky so ziemlich alle Register, die man harmonisch ziehen kann, ohne die Tonalität zu verlassen. In dieser Hinsicht gibt es kaum etwas Kühneres bei ihm; oft ahnt das Ohr, dass es sich um eine tonale Phrase handeln muss, aber sogar Experten mit absolutem Gehört könnten wohl rein akustisch nicht immer benennen, in welcher Tonart es gerade tost und rauscht. Oft beschwört Rimsky hier eine fast surreale beklemmende Alptraumwelt herauf – etwa in der großen Schneesturm-Szene mit Chor. Kurz: Wenn ich die Oper benennen sollte, in der endgültig klar wird, dass wir im 20. Jahrhundert angekommen sind, dann wäre das nicht die Salomé von 1905, sondern der Kashchey von 1902.

Grandioses Mono

Dies ist ein Revival der allerersten Gesamtaufnahme (die bis heute ohnehin rar gesät sind!), 1949 aufgenommen bei Melodia in bestem breiten Mono – die Restaurierung ist wunderbar, sie arbeitet alle Feinheiten der Aufnahme heraus,  die Stimmen klingen großartig, besonders bemerkenswert ist hier Natalia Roszdestvenskaya – eine ungeheuer populäre Sopranistin in der Sowjetunion und übrigen die Mutter des später weltberühmt gewordenen Dirigenten Gennadi Roshdestwensky. Und a apropos Dirigent – am Pult steht der legendäre Chef des Bolschoi-Theaters – Samoel Samosud, quasi der russische Toscanini, er dirigierte so legendäre Premieren wie Shostakowitschs Nase. Also mal abgesehen vom fehlenden Stereoklang, den man schmerzlich vermisst angesichts einer so überbordenden fast expressionistisch klingenden Orchester-Partitur, ist das eine perfekte Einspielung.

Matthias Käther, rbbKultur

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