Nadia & Lili Boulanger: Mélodies; Montage: rbbKultur
Bild: Aparte Music

Kammermusik - Lili & Nadia Boulanger: "Mélodies" | "Clairières"

Komponierende Frauen sind heute sind Ausnahme mehr. Zu Anfang des 20. Jahrhunderts sah die Situation noch anders aus. Gleich zwei neue CDs sind dem Liedschaffen der Schwestern Nadia und Lili Boulanger gewidmet.

Nadia und Lili Boulanger wuchsen Anfang des 20. Jahrhunderts mitten in der Pariser Musik- und Kulturelite auf. Ihr Vater war der Komponist Ernest Boulanger, Gewinner des begehrten Prix du Rome, ihre Mutter war Sängerin. Kein Wunder, dass sie sich beide schon früh entschieden, Komponistinnen zu werden. Lili Boulanger gewann 1913 als erste Frau überhaupt den begehrten Prix du Rome, Nadia erhielt immerhin einen zweiten Preis.

Die beiden neuen CDs ergänzen sich wunderbar: Der amerikanische Tenor Nicholas Phan und die Pianistin Myra Huang haben den Schwerpunkt auf Kompositionen von Lili Boulanger gelegt. Der französische Tenor Cyrille Dubois und sein Begleiter Tristan Raës konzentrieren sich dagegen auf Werke von Nadia Boulanger und komplettieren ihre CD mit einzelnen Liedern von Lili.

Früher Tod

Lili war die avanciertere der beiden Komponistinnen. Ihr Liedzyklus „Clairières dans le ciel“ nach Gedichten von Francis Jammes zeigt ihre weit entwickelte harmonische Sprache und ihren Formsinn. Ihre Musiksprache erinnert immer wieder an jene Claude Debussys. Lili starb schon im Alter von 24 Jahren und Nadia brach daraufhin das eigene Komponieren ab, um sich der Verbreitung des Werks ihrer Schwester zu widmen. Zugleich wurde Nadia einer der wichtigsten Kompositionslehrerinnen des 20. Jahrhundert. Aber auch ihre Kompositionen zeugen vom Talent, eine Stimmung genau zu treffen, wenn sie sich auch nicht ganz so weit vorwagt wie Lili.

Lohnende Aufnahmen

Den Interpreten beider CDs gelingt es, ihre Stimmen liedhaft und lyrisch zu führen. Cyrille Dubois singt ein wenig direkter, auch herber, als der Amerikaner Nicholas Phan. Auch der Klang ist in der französischen Aufnahme direkter, weniger hallig, trockener. Aber die Interpretation von Nicholas Phan ist stimmungsvoller, detailreicher und farbiger und insgesamt eine Spur aufregender. Das zeigt vor allem der unmittelbare Vergleich einiger Lieder, die in den Programmen beider CDs enthalten sind. Zwei lohnende Aufnahmen.

Julia Spinola, rbbKultur

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