Mendelssohn Bartholdy: Die erste Walpurgisnacht © Carus
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Weltliches Oratorium - Felix Mendelssohn Bartholdy: "Die erste Walpurgisnacht"

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Am 30. April ist Walpurgisnacht. In der Nacht vor dem ersten Mai, sagt der Volksmund, fliegen die Hexen und diverse andere Geister zum Brocken und tanzen. Dieser Volksglaube inspirierte Felix Mendelssohn Bartholdy zu einer Kantate, die man auch ein "weltliches Oratorium" nennen könnte, eine Vertonung des bekannten Gedichts von Johann Wolfgang Goethe.

Der 21-jährige Komponist hat das Werk in Angriff genommen und er hat während der Arbeit mit dem greisen Dichter Briefe gewechselt. Nach Goethes Tod hat Mendelssohn das Werk abgeschlossen.

Frieder Bernius - Experte in Sachen Mendelssohn

Der Dirigent Frieder Bernius beschäftigt sich schon sehr lange mit dem Oeuvre von Felix Mendelssohn Bartholdy. Und das geht weit über die gängigen chorsinfonischen Werke, also die Oratorien Elias und Paulus und den "Lobgesang" hinaus. Inzwischen hat Bernius die kompletten geistlichen Chorwerke Mendelssohns auf 10 CDs eingespielt. Die Edition wurde u.a. mit dem wichtigsten französischen Schallplattenpreis, dem "Diapason d‘Or" verdientermaßen ausgezeichnet.

Das Rezept: Klarer Chorklang, intensive Wortausdeutung

Der Chorklang ist - wie immer bei Frieder Bernius - auch hier klar und transparent. Dann kommt dazu, dass die Ausdeutung des gesungenen Wortes für ihn enorm wichtig ist, man versteht jedes Wort. Und er schafft grundsätzlich eine frappierende Balance zwischen Chor, Orchester und Solisten. Diese Herangehensweise hat Bernius bis heute nicht nur durchgehalten, sondern immer mehr perfektioniert.

Schwachpunkt: Der Blocksberg-Szene fehlt Expressivität

Allerdings - das ist der kleine Wermutstropfen dieser CD - aufgrund der großen Perfektion, die Bernius anwendet, geht an einigen Stellen etwas von der Expressivität verloren. Den Tanz der Hexen und Geister auf dem Brocken etwa hätte durchaus ein wenig mehr Impulsivität vertragen können. Musikalisch hat sich der junge Mendelssohn an den Tumult-Szenen der französischen Grande Opera orientiert, also das Vorbild Meyerbeer hört man deutlich. Und diesem Meyerbeer’schen Gestus wird Frieder Bernius nicht vollständig gerecht.

Die Zugabe: Ein "recycelter Ödipus"

Mendelssohns Walpurgisnacht-Kantate dauert nur etwa eine halbe Stunde. So hat die Firma Carus als Zugabe Ausschnitte aus einer fast 20 Jahre alten Produktion recycelt: Auszüge aus Mendelssohns Schauspielmusik "Ödipus in Kolonos" nach Sophokles, komponiert im Auftrag des Preußenkönigs Friedrich Wilhelm IV. Eine nicht sehr originelle Idee, denn im Vergleich zur Deutschen Kammerphilharmonie Bremen fällt die "Klassische Philharmonie Stuttgart" qualitativ doch sehr ab. Hier hätte man ruhig noch ein paar Euro mehr in die Hand nehmen und etwas Neues für die CD produzieren können. Allerdings kann man an dieser 19 Jahre alten Aufnahme gut nachvollziehen, wie sich Frieder Bernius als Interpret bis heute gewandelt und profiliert hat.

Fazit: Insgesamt hörenswert

Die erwähnten Abstriche fallen - zumindest in der Walpurgisnacht-Kantate nicht ins Gewicht. Frieder Bernius geht absolut historisch-informiert ran, spürt auch den Komponisten, die den jungen Mendelssohn angeregt haben nach. Im Schlusschor ist das definitiv Joseph Haydn, da klingt der Dualismus von Licht und Schatten aus der "Schöpfung" an. "Es ist ein hoher Anspruch, musikalische Gegensätze zu vermitteln", schreibt der Dirigent im Booklet - und über weite Strecken gelingt ihm das!

Claus Fischer, rbbKultur

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