Königin in Preussen: Der barocke Orgelklang von Königs Wusterhausen; Montage: rbbKultur
Bild: Tonstudio-KW

Barocke Orgelmusik - "Königin in Preussen"

Bewertung:

Die "Königin in Preußen" ist eine äußerlich sehr betagte Dame mit einem aber ganz jungem Innenleben! Der Prospekt des Instruments, also das Gehäuse stammt höchstwahrscheinlich vom größten Orgelbaumeister des norddeutschen Frühbarock, von Arp Schnitger.

Leider sind aber alle Pfeifen und die komplette Mechanik unter die Räder der Geschichte gekommen. Im Jahr 2009 hat Orgelbaumeister Hendrik Ahrend aus Leer in Ostfriesland ein neues Instrument eingebaut, aber im Stil von Arp Schnitger! Und diese Stilkopie ist in Berlin und Brandenburg absolut einmalig. Und dass sie sehr gelungen ist, beweist Christiane Scheetz, die Organistin und Kantorin der Kreuzkirche in Königs Wusterhausen mit den Aufnahmen auf dieser neuen CD.

Rückkehr des barocken Innenlebens – Die klangliche Genese der Ahrend-Orgel

Dass die Kreuzkirche in Königs Wusterhausen eine "geklonte" Schnitger-Orgel hat ist Kantorin Christiane Scheetz zu verdanken. Sie hat zahlreiche Gespräche mit sachverständigen Kollegen geführt, darunter auch dem Berliner Organisten und Experten in Sachen historischer Orgeln Klaus Eichhorn. Am Ende dieses Prozesses hat man dann, das ist so üblich, mehrere Angebote von Orgelbaufirmen eingeholt. Und das Konzept der Firma Hendrik Ahrend aus Leer in Ostfriesland überzeugte am meisten - und es war für die Gemeinde auch finanziell zu realisieren, das ist nicht unwichtig.

Probleme mit dem Denkmalschutz - Die neuen Pedaltürme

Allerdings hat man die Orgel um zwei Pedaltürme erweitert – und da gab es dann doch Probleme mit dem Denkmalschutz. Die Firma Ahrend wollte natürlich diese Pedaltürme im Stil des Gehäuses gestalten, also im Stil von Arp Schnitger. Aber die Denkmalbehörde hat darauf bestanden, dass diese Türme im Stil unserer Zeit, also modern gestaltet werden müssen. Zum Glück hat man sich aber dann auf den einzig praktikablen Kompromiss geeinigt. Man hat die Pedaltürme historisch ausgeführt, aber auf dem krönenden Schleierbrett oben die Jahreszahl 2009 aufgemalt.

Experten in Sachen norddeutschem Orgelbarock - Die Firma Ahrend aus Leer

Jürgen Ahrend, der Gründer dieses Betriebs, ist der profundeste Kenner der barocken Orgellandschaft Norddeutschlands. Er hat die meisten der bedeutenden Instrumente von Arp Schnitger restauriert. Und das schon in den 1970er Jahren, als die Denkmalpflege beim Orgelbau längst nicht so wichtig genommen wurde wie das heute der Fall ist. In jahrelanger experimenteller Forschungsarbeit ging Jürgen Ahrend der Sache auf den Grund, studierte Schnitgers Mensuren, also die Maße der Pfeifen, und vor allem auch die Materialien, die im 17. und frühen 18. Jahrhundert beim Orgelbau verwendet worden sind. Sein Know-How hat Jürgen Ahrend an seinen Sohn Hendrik selbstverständlich weitergegeben. Und das neue Instrument in Königs Wusterhausen wurde zu einer der ersten Referenzen des "Juniors".

Geschickte Dramaturgie - Der "Schnitger-Bezug"

Mit großer Kenntnis hat Christiane Scheetz die Werke für die CD zusammengestellt. Sie ist schon etliche Jahre als Kirchenmusikerin tätig, hat in Görlitz studiert. Seit 1995 ist sie Kantorin der evangelischen Kirchengemeinde Königs Wusterhausen, hat sich ein großes Repertoire erarbeitet, aus dem sie schöpfen kann. Für die CD hat sie geschickt Werke von Komponisten ausgewählt, die die Orgeln von Arp Schnitzer kannten und schätzten: Dietrich Buxtehude, Johann Sebastian Bach natürlich und aus der Vor-Schnitger-Ära Werke von Jan Pieterszoon Sweelinck und Samuel Scheidt. 

Mit dem Instrument verwachsen - Das Orgelspiel von Christiane Scheetz

Christiane Scheetz ist keine exponierte Virtuosin der Alte-Musik-Szene, sondern ganz normale Kirchenmusikerin. Aber genau wie bei der Auswahl der Werke auch ein gutes Händchen hatte, geht sie auch an die Musik heran, man spürt, dass sie in den letzten zehn Jahren mit der Ahrend-Orgel, mit "ihrem" Instrument verwachsen ist. Die Registrierung, also die Auswahl der Klangfarben hat sie fein und mit Bedacht konzipiert, außerdem hat sie eine große Sensibilität für die historisch- informierte Rhetorik. Aber sie kennt auch ihre Grenzen, macht z.B nicht übermäßig viele Verzierungen, so dass es nicht manieriert wird. Wenn alle "normalen Kirchenmusiker" so beseelt spielen würden, hätten wir in unseren Kirchen den Himmel auf Erden!

Kleiner Trost für abgesagte Orgelkonzerte - Die Ahrend-Orgel für das häusliche Wohnzimmer

Unter normalen Umständen sollte man die Ahrend-Orgel in Königs Wusterhausen unbedingt auch live gespielt erleben. Die diesjährige Sommerkonzertreihe sollte am Karfreitag beginnen, aber das Konzert fällt aus. Danach soll es an jedem vierten Freitag im Monat ein Konzert geben, mit zum Teil prominenten Organisten. Außerdem wird die Orgel gelegentlich auch bei städtischen Anlässen gespielt, etwa beim Schlossfest im Sommer. Aber wie das alles entwickeln wird, lässt sich im Moment leider nicht sagen, die CD "Königin in Preußen" ist immerhin ein wichtiger Ersatz!

Claus Fischer, rbbKultur

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