Vision String Quartett © Warner Classics
Bild: Warner Classics

Kammermusik - Vision String Quartet: "Memento"

Bewertung:

Ohne Noten, ohne Stühle, ohne Podest spielen die Berliner Musiker des Vision String Quartet. Die Schüler des Artemis Quartets hegen außerdem eine bekannte Vorliebe für Pop-Musik, die sie gern nach der Pause spielen und sogar selber komponieren (alle vier sind auch Komponisten).

Dazu jagen sie Kriechnebel über die Bühne (so erklärt sich auch die Abwesenheit von Notenständern; sie könnten die Noten ohnehin nicht sehen). Auf ihrem Debüt-Album mit Schuberts Streichquartett „Der Tod und das Mädchen“ und dem letzten Streichquartett von Mendelssohn Bartholdy spielt das alles keine Rolle. Ein Pop-Album – seinerseits nichts Besonderes, denn dergleichen macht zum Beispiel auch das Quatuor Ébène – soll erst folgen.

Sehr perfektionistisch

Ästhetisch gesehen stehen die vier in Berlin lebenden Musiker im Bann eines schönen Turbo-Perfektionismus, den sie von ihrer Artemis-Lehrern übernommen haben. Durchgeschliffen bis zum Letzten, dabei allerdings dunkler gefärbt, sind hier neue Spitzenwerte des Hyperperfektionismus zu bewundern – der zugleich derart zum Selbstverständnis und Programm dieser Formation zählt, dass man sich darauf schon einlassen sollte, um nicht die Hauptsache zu verpassen. (Gilt selbst für mich, der ich vom Fetisch synthetischer Putzteufeleien der Perfektion wenig halte.)

Ein bisschen erinnern diese blitzblanken Spoiler gar an die Karajan-Ästhetik der späten 70er Jahre (Karajan finden diese Musiker auch ganz toll). Treibende Kraft ist ganz unüberhörbar der formidable Cellist des Quartetts, Leonard Disselhorst (nicht verwandt wohl mit dem ehemaligen Cellisten der Berliner Philharmoniker, Jan Diesselhorst). Technisch hochgerüstet und aufgeputzt – und damit weniger musikantisch und spontan als man sich das vielleicht wünscht – klingt das bei den bekannten Werken von Schubert und Mendelssohn durchaus ungewohnt und neu. Die Mischung macht's. Perfektionismus der Endstufe, aber mit persönlicher Handschrift ausgeführt.

Kai-Luehrs Kaiser, rbbKultur

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