HAU 2 - "Herr Dağacar und die goldene Tektonik des Mülls"

Bewertung:

Von Helgard Haug und Daniel Wetzel (Rimini Protokoll)

Es ist nicht das erste Mal, dass das Regie-Kollektiv Rimini Protokoll eine Produktion für einen konkreten Ort und Anlass zurechtschneidert. Ich erinnere an die dokumentarische Inszenierung "Wallenstein", die für die Schillertage in der Schillerstadt Mannheim im Schillerjahr 2005 produziert wurde. "Herr Dağacar und die goldene Tektonik des Mülls" kam im letzten Oktober in Istanbul, der "Kulturhauptstadt Europas 2010", heraus. Und ich bin mir nicht sicher, ob diese Inszenierung nicht an den verschiedenen Orten, wo sie außerhalb der Türkei gezeigt wird, die viel größere Wirkung hat. Im Reality Theater der Riminis kommen keine Schauspieler auf die Bühne, sondern Menschen aus dem täglichen Leben. Am Anfang steht die Recherche zu einem oder mehreren Themen, und die Texte, die dort gesprochen werden, wurden aus Berichten und Äußerungen dieser Menschen selbst zusammengestellt.

Wir haben ja Rimini Protokoll zur Todesthematik schon leibhaftige Trauerredner und Sargträger erlebt, Fernseh- und Radiofritzen agierten als News People, Kardiologen und Heiratsvermittler zum Thema Herz. Und hier nun haben Helgard Haug und Daniel Wetzel ganz reale lebendige Männer ausfindig gemacht, wie sie in den Straßen von Istanbul auf eigene Faust Tag für Tag, Nacht für Nacht Müll auflesen. Sie sammeln Papier und Eisen, Plastik und alles Mögliche. Drei der Männer sind Kurden aus Ostanatolien, der dritte ist ein Roma. Sie erzählen uns aus ihrem Leben, von der weiten Busfahrt, die sie aus ihrem Dorf in die Stadt bringt. Sie erzählen, wie sie für das Abschlusszeugnis in der Grundschule einen Truthahn ablieferten. Sie berichten von ihrem Ärger mit der Behörde, der Angst vor den großen Recycling-Unternehmen. Von ihren Träumen und Wünschen.

Auf der Bühne sehen wir die riesigen Sackkarren dieser Männer und die gewaltigen Sackbehältnisse, in die sie den Abfall stopfen. Diese Wertstoffe sind für sie das reinste Gold. Sie wollten nicht, wie die Rimini-Leute vorschlugen, dass ihr Depot als ihr eigentlicher Ort dargestellt würde. Sie haben ein starkes schönes Selbstbewusstsein, sie fühlen sich als selbstständige Unternehmer. Manchmal hat man den Eindruck, dass sie sich geradezu mit dem Material, das sie einsammeln und verkaufen, selbst identifizieren, mit der Stärke des Metalls, der Leichtigkeit der Wasserplastikflaschen. Der Abend beginnt mit der Erzählung eines Alptraums: einer der Männer schildert, wie er träumte, eine Virusepidemie habe die eigenen Kinder sterben lassen, und er, der Vater, habe ihre Leichen auf eine Müllhalde bringen müssen.

Dies ist sicherlich nicht die stärkste Produktion, die man im Laufe der Jahre von Rimini Protokoll gesehen hat. Aber der Charme, die Natürlichkeit, mit der die Vier sich selbst erzählend darstellen, tragen zum Gelingen des Abends bei. Weniger gelungen scheint mir der Versuch, das Motiv "Erdbeben" mit seismografischen Daten in die Inszenierung einzubringen (und man reagierte gestern Abend sogar auf die aktuellen schrecklichen Ereignisse in Japan) - und diese Schwingungen in Beziehung zu Börsenentwicklungen zu bringen; denn auch der Preis des Mülls, den diese Männer verkaufen müssen, ist abhängig von Trends auf dem Weltmarkt. Außerdem wirkt in dieser Inszenierung ein Meister des Karagöz, des klassischen türkischen Schattenspiels, kommentierend-illustrierend mit. Das ist sehr hübsch und kunstvoll, wirkt aber seltsam aufgesetzt. Der Beifall am Ende ist natürlich riesig. Und schade, wenn nicht beschämend, finde ich nur, dass es nicht gelungen ist, für dieses Gastspiel auch ein nennenswert zahlreiches Publikum aus der türkischstämmigen Berliner Bevölkerung auf die Beine zu bringen.

Peter Hans Göpfert, kulturradio